Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Massauischen Allgemeinen Zeitung.
Xr. 136 Mittwoch den 6. Juli /ss».
Geistige Liebe.
Von Emil Souvestre.
Unsere europäischen Hauptstädte dehnen sich stets weiter aus; wie auch die Feldfluren zurückweichen, die Straßen verfolgen sic fortwährend mit ihrem Gerassel, in den mannigfaltigsten Windungen, wie eben so viele Klapperschlangen. So ist cs mit Paris, und mehr noch mit London der Fall. Ein gewisser Theil dieser letzteren Stadt verlängert sich in's Unbestimmte, seit einigen Jahren in der Richtung nach den Gärten von Kensington. Die Häuser sind von einander getrennt und am Eingänge gewöhnlich mit einem Säulengange verziert, welcher ihnen ein freundlich-ländliches Ansehen gibt. Sie sind weit von der lärmenden, kothigen Stadt entfernt, und gleichsam die Vorrede zur Jdhlle des Landlebens.
Vor einigen Jahren befanden sich zwei junge Männer im Speisezimmer von einem dieser Häuser, und zwar an einem kalten Dccembcrmorgcn, 1 während ein feiner EiSkiMn vom graunmwölktcn Himmel herabfiel. Die Unfreundlichkeit des Wetters ließ jedoch die Behaglichkeit des Zimmers noch lebhafter empfinden. Ein helles Kohlenfeuer brannte im Kamine und die Ueberreste eines Frühstücks befanden sich noch auf dem Tische; die beiden jungen Leute ruhcten, in weite, weichgepolsterte Lehnstühle versenkt, die Füße bequem auf das Schutzgitter gestützt, womit die Engländer ihre Käminfeuer umgeben, und tief im Lesen der Journale versenkt, die, in ungeheuerem Format ihre politische Wißbegierde befriedigten und ihnen zugleich zum Schutz gegen die Gluth des Kohlenfeuers dienten.
Der eine dieser jungen Männer hieß Ewelyn und war der Eigenthümer des Hauses, der andere, ein ihn besuchender Freund, nannte sich Charles Stanley. Von dem Ersteren wissen wir nichts Besonderes zu berichten; da der zuletzt Genannte der Hauptgegenstand dieser kurzen Erzählung ist, so müssen wir erwähnen, daß er, als Weltbürger, keinem besonderem Lande angehörte. Er war zwar, wie der Name andeutet, von englischem Ursprung, aber von einer deutschen Mutter in Deutschland geboren, befand sich in einem Alter von noch nicht dreißig Jahren, zu seinem tiefem Schmerz,
durch den vorzeitigen Tod seiner Eltern in einer gänzlich unabhängigen« Lage und hielt sich, im Besitz eines nur geringen Vermögens, bald in Deutschland, in England oder Frankreich und überall auf, wohin ihn seine vielen Freunde einluden, welche sich um seine Gesellschaft stritten, da er eben so liebenswürdig, als geliebt, sehr geistreich, wohlwollend und in jeder Hinsicht ein trefflicher Mensch war.
Die beiden Freunde kosteten also, wie gesagt, in Schweigen versunken, die eben nicht schmackhafte Prosa ihrer Journale, als sie an der Hausthüre die kurzen, schnell auf einander folgenden Schläge des Thürklopfers vernahmen, welche, nach der in England üblichen Sitte, die Ankunft des Briefträgers verkündigen. Gleich darauf trat ein Bedienter ein und übergab dem jungen Stanley einen ziemlich großen unb starken Brief, der sehr weit her z» kommen schien. Mit echt englischem Phlegma legte ihn Stanley auf den Kaminsims, ohne ihn näher zu betrachten, beendigte erst seine Lectüre, ' mickte dann noch eine Wèile in's Fener und streckte endlich den Arm nach dem Briefe aus. Kaum hatte er aber das Postzeichen erblickt , als ihm ein Ausruf des Erstaunens entfuhr.
„Was giebt es?" fragte Ewelyn.
„Denke Dir," erwiderte Stanley, „dieser Brief kommt ans America."
„Wirklich? — Kennst Du dort irgend Jemand? — Ist vielleicht einer Deiner Freunde dorthin gereist?"
„So viel mir bekannt ist, nein 1 überdem ist die Adresse von einer Frauenhand."
„Sehr sonderbar!"
„Sich' selbst! — Boston, Neu - England, Vereinigte Staaten."
„Ganz recht! der Brief ist daher, daran ist nicht zu zweifeln. Ich fühle einen harten Körper darin, es scheint mir ein Bild zu sein."
„Ich kann ihn nicht erbrechen."
„Warum nicht? Die Adreffe läßt durchaus seinen Jrr- ' thum zu."
