Dev Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
$r. 129, Samstag den 1. Juni iss».
Vas Haus der Todten.
(Fortsetzung.)
„Fräulein von Saint - Hereus," wiederholte noch immer - Herr von Locmaria! „und Sie werden von ihr geliebt, Herr Graf!"
„Das weiß ich nicht; dies ist eine Frage, welche ich gewohnt bin, erst nach der Hochzeit meiner Frau vorzulegen."
„Und haben Sie bereits die Einwilligung ihrer Familie?"
„Diese werde ich mir sofort erbitten, wenn ich von hier fortgehe, und ich bin überzeugt, daß ein Mann meiner Art, nicht leicht abgewiesen wird. Ich habe Ansprüche."
I „Ansprüche?"
„Ja!" den Tod meiner Frau, mein Benehmen bei- und nach demselben, der Muth, mit dem ich der furchtbaren Krankheit, die sie hinwegraffte, um sie zu pflegen, trotzte, geben mir ein Recht auf die Achtung und das Wohlwollen aller -Familien."
Während Herr von Tonquedee so sprach, empfand Herr von Locmaria einen Theil des Verdrusses und des Zorucs, den er vor sechs Monaten, ass Anbeter der Gräfin Diana, empfunden hatte.
„Dieser Mensch," dachte er bei sich selbst, „ist bestimmt, mir überall in den Weg zu treten."
Endlich, da er sich nicht mehr zurückhalten konnte, rief Nr aus:
„Aber, Herr Graf, ich — ich liebe sic!"
^„Sic? Ach, gehen Sie doch! Sie liebten meine Frau... -.daß ihr Kummer über ihren Tod nachgelassen hat, begreife Mr wvhh daß Sie die schauderhafte Absicht des Selbstmordes Aufgaben, billige ich; aber daß Sic schon jetzt wieder eine neue Leidenschaft empfinden sollten, das ist unmöglich! Ja, Wenn Sic Dianens Ehemann gewesen wären; aber sie waren 'ja ihr Anbeter, und dies ist etwas ganz Verschiedenes."
„Genug der Spöttereien, mein Herr!" sagte Herr von Locmaria.. Erfahren Sie jetzt, was Sie schon vor einem Monat hätten wissen können, wenn Sie nicht von Rennes , abwesend gewesen wären." ’
„Ich spotte nicht," erwiderte Herr von Tonquedec, „ich erstaune. Was ist denn seit meiner Abwesenheit hier vorge» 1 fallen?"
„Es scheint, mein Herr Graf, daß wir uns Beide, nur ' als Nebenbuhler begegnen können, ich bin nicht verpflichtet, Ihnen Rechenschaft, über die Gefühle meines Herzens abzrt- legcn, und sage Ihnen nur, daß meine Verheirathung, mit Fräulein von Saint-Herens, seit einem Monat schon verabredet ist. Sie kommen zu spät, mein Herr Graf."
Bei diesen Worten stellte sich der verschmitzte Alte aufs Höchste betroffen; seine Gesichtszüge nahmen den Ausdruck der \ tiefsten Trauer an; seine Augen schienen sich sogar mit Thränen zu füllen.
„Ist dies Wahrheit? Sind Sie mir wirklich zuvorge- kommen? Ist Ihre Hcirath fest beschlossen?"
„Ja, Herr Graf?"
„O, Herr Marquis, ich lese in Ihrem Herzen; die wahren Leidenschaften sind zwar nicht ewig dauernd, aber sie lassen wenigstens im Herzen eine Wunde zurück, die erst spät wieder heilt und lange Zeit braucht, um zu vernarben; es ist unmöglich, daß Sie meine Frau schon jetzt vergessen haben. Sie lieben Fräulein von Saint-Herens nicht; es ist mir eine Verbindung der Convenienz. Treten Sie zurück, ich beschwöre Sic! Sie sind jung, Sie haben noch viele Jahre vor sich, und brauchen sich nicht um einen Erben zu beeilen."
„Ich kann nicht zurücktreten, mein Herr; ich habe mein Wort verpfändet."
„Nehmen Sie eS Mück, Herr Marquis," flehte Herr von Tonqedec; „wenn die Familie Saiut-HereuS die Ursache Ihres Zurücktrittes erfahren wird, kaun sie es Ihnen nur danken. Und dann, mein Herr," fuhr er mit einer scheinbaren Ueberwindung seiner Gefühle fort, „dann habe ich Ihnen - auch noch nicht Alles gesagt. Wissen Sie wohl, daß Sie, wenn Sie mir eine Bitte abschlagen, sich um Vieles ungetreuer zeigen, als ich?"
„Was wollen Sie damit sagen?" fragte Herr von Locmaria ?"
„Nichts mein Herr, nichts weiter, als daß es Geheim- I
