Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Kr. 126 Mittwoch den 1. Loni ism. 1
Dao Hans der Codten.
I (Fortsetzung.)
Herr von Locmaria stürzte mit offenen Armen dem Gra- M entgegen und warf sich laut schluchzend an seine Brust; er sprach kein Wort, man vernahm nur abgebrochene, vom Schmerz erstickte Töne. Herr von Tonquedcc, voll Beistand und zur Satire geneigt, bemühte sich nicht, ein Lächeln zu verbergen und sagte, indem er sich der Umarmung des funken Mannes entzog:
„Nun wahrlich! dies ist mehr als sonderbar. Ein Liebhaber, der den Ehemann seiner Geliebten umarmt und ihm keine Leidenschaft eingcstcht! Oeffnen Sie doch die Augen, Mein Herr, und sehen Sie, mit wem Sie sprechen; diese Liebe, sdie Sie ohne Erröthen mir zu erkennen geben, ist entehrend, mich beleidigend, denn sic bezweckt, mich, mit meiner Frau Fuzleich, meiner Ehre zu berauben."
„Ja, mein Herr," sagte der junge Mann, „ich liebe Ihre iGemahlin und fühle, wie tief diese Liebe Sie beleidigen muß und da Sie von Allem unterrichtet sind, rechne ich weder M Mitleid, noch auf Bergebung. Ich wünsche mir den Tod, Werr Graf; geben Sie ihn mir, denn nur mit dem Tode llann meine Liebe enden, und wenn Sie gelesen haben, was
der Gräfin schrieb, so wissen Sie, daß ich--"
„Daß Sie, mein Herr, nicht nach dem Tode, sondern sNach meiner Frau verlangen; Sie erschrecken sie durch Ihr Benehmen, drohen, sich vor ihren Augen zu todten, allein in der Absicht, sie zu bewegen, Ihnen nach Holland oder, nach England zu folgen. Ein Anderer, als ich, würde von Ihnen Genugthuung für eine solche Beleidigung fordern; ich aber glaube die Thorheit eines Kindes nicht wie ein Verbrechen bestrafen zu müssen."
„O nein, Herr Graf," sagte Locmaria, „ich werde meine Brust unvertheidigt' Ihrem Degen darbieten, und gern mit meinem Blute . . ."
„Wenu dies im Ernst Ihre Absicht ist," fchr Herr von Tonquedcc fort, „so würde der Zweikampf zwischen uns ein Mord sein, der meiner unwürdig ist; ich will das Glück mei
ner Ehe nicht durch die Erinnerung an ein Verbrechen stören, ; r nicht das blutige Bild eines Mannes herausbeschwören, der : aus Liebe für sie gestorben. Wenn Sie mir dagegen einen ' ■ Zweikampf anbieten, wobei mein Leben nicht weniger, als H das Ihrige gefährdet ist, so können Sie von einem solchen ' nichts für Ihre Liebe gewinnen. Was haben Sie zu erwarten, wenn Sie mich tödten? Die Gräfin erwidert Ihre Liebe Z nicht; aber wenn sie es auch thäte, könnte sie jemals den 5 Bewerbungen eines Mannes Gehör geben, der ihren Gemahl getödtet hat? In Frankreich, mein Herr, betrügt man wohl die Ehemänner, aber- man hütet sich wohl, sie zu todten, und " ich bin zu Ihnen gekommen, um Ihnen zu sagen, daß in diesem Falle eines- so unthunlich ist, als das andere, da ich, - gewarnt, mein Leben, wie meine Ehre, wohl zu vertheidigen weiß."
Hier ergriff Herr von Tonquedcc die Hand seines jungen Nebenbuhlers, indem er fortfuhr:
„Nehmen Sie sich zusammen, mein Freund; Sie sind kein Kind mehr; schon die Leidenschaft, die Sie zu empfinden behaupten, beweist es. Geben Sie eine Bewerbung auf, die durch die Unmöglichkeit, ihr Ziel zu erreichen, nur lächerlich erscheint. Die Gräfin, wie ich es Ihnen schon sagte, liebt Sie nicht; Allesf was sie von Ihnen verlangt, ist, daß Sie sich nicht vor ihren Augen das Leben nehmen, was sehr begreiflich ist. Was mich betrifft, so glaube ich nicht an die Ausführung Ihrer Drohung, und da ich weiß, daß ich zu einem Edelmann voll Ehrenhaftigkeit spreche, so bin ich überzeugt, daß Herr von Locmaria in einigen Tagen, vielleicht schon morgen, Rennes verlassen wird, um sich nach Flandern zur Armee des ' Königs zu begeben, wo Herr von Duras ihm Gelegenheit geben wird, sich auszuzeichneu, oder wenigstens einen glorrei- j chcn Tod zu finden."■
Der junge Mann schien diese Rede nicht zu verstehen; nur mit einem Gedanken beschäftigt, empfand er weder Scham über seine unmännlichen Thränen, noch die Unschicklichkeit, die Bergebung für eine ehebrecherische Liebe von dem Ehemann selbst zu erflehen. Obgleich er kein Wort gesprochen hatte,
* hat Herr von Tonquedcc dennoch, als ob er ihm eine be-
