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Ver Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinèn Zeitung. : ------------,----------------------:--------------------------------------:------------------------------------------------------------------------------------------■ , v. ISS Dienstag Den 31 Mai ISM. 1

Das Haus der Todten.

(Fortsetzung.)

Was sollte Tonquedec jetzt thun? Er hatte die vollstän­digsten Beweise von der Leidenschaft des Herrn von Locmaria Mür seine Frau, von seinem Entführungsplan und hatte Ur­sache, dem Zufall danken, der ihn mit Jaqueline ins Gespräch führte, denn ohne die Plauderhaftigkeit der Kammerfrau war er verloren, da die Gräfin die Unbefangenheit und ihre Un- bekanntschaft mit den gesellschaftlichen Verhältnissen so weit trieb, daß sie, wenn ihr jugendlicher Liebhaber ebenso gewandt Mls verliebt gewesen wäre, ihm sicher ihren guten Ruf aufge- Wpfrrt und sich ins Verderben gestürzt haben würde. Glück- Wcherweise war sie jetzt nur bis zum Mitleid vorgeschritten, k allein die Liebe würde nicht ausgeblieben sein.

„Sie würde mich," sagte er zu sich, „mit ruhigem Ge- .wissen* verlassen und mit dem jungen Herrn entfliehen, um bnrr zu verhindern, daß er sich das Leben nimmt. Wenn sie iindessen weniger unbefangen wäre, so würde sie versteckter sein und ich nichts erfahren haben."

Die Sitten der damaligen Zeit, und die Gewohnheiten, W^ sich aus den Kriegen der Fronde noch beim Bretagner Adel erhalten hatten, boten ihm den Zweikampf als ein ein­faches Mittel. dar,', sich seines Nebenbuhlers zu entledigen, allein dies Mittel widerstrebte ihm. Er hatte manches Duell ein seinem Leben bestanden, und fühlte sich, trotz seinem Alter, noch kräftig und gewandt genug, um auf diese Weise die Unverschämtheit des Herrn von Locmaria zu bestrafen, allein, war es nicht schade um den jungen Mann, auf dem so große Hoffnungen beruhten, den er noch in der Wiege gekannt hatte, den er fast als ein Kind betrachtete? was würde man zu Nennes sagen, wenn er, ein in Schlachten ergrauter Seemann, Mine Erfahrung, seine Geschicklichkeit benutzte, um sich eines Mebenbuhlers von kaum zwanzig Jahren zu entledigen? Aus einem solchen Zweikampf als Sieger hervorzugehen, würde für ihn schimpflich fern, als Besiegter setzte er sich dem Ge­lachter der Welt aus. Er konnte auch bei diesem Zweikampf einen Arm, ein Auge oder den Gebrauch eines andern Glie-

des einbüßen und so seiner Gemahlin noch weniger liebens­würdig erscheinen. Herr von Locmaria dagegen konnte bet i einem Zweikampf nur gewinnen, wurde er getödtet, so be­trauerte ihn die ganze Stadt und Frau von Tonquedec würde sein Andenken in ihrem Herzen lebenslänglich bewahren, würde er nur verwundet, so erschien er dadurch nur um so inter­essanter, denn die Wunde, welche den Greis entstellt, ertheilt der Jugend nur einen neuen Reiz. Da man nun vernünfti­ger Weise nicht auf ein Spiel eingeht, wo alle Fälle zu un­serm Nachtheile ausfallen müssen, so beschloß Herr von Tonque- / dec, sich mit seinem Nebenbuhler mündlich zu verständigen, ihm zu sagen, daß er von Allem unterrichtet sei, und ihn wo möglich zu bewegen, seine Bewerbungen aufzugeben, welche keine andere Folge haben könnten, als die Ruhe der Gräfin zu stören.

Rennes ist eine alte Stadt, noch aus den Zeiten der Gallier herstammend und amphithcatralisch am Abhange eines Hügels erbaut; sie wird in die obere med untere Stadt ab- 8 getheilt, die erstere ist nach neuerer Bauart aufgeführt und die bei weitem größere, sie hat breite, reinliche, nach der ; Schnur gezogene Straßen und geräumige, regelmäßige Plätze. Die untere Stadt dagegen ist schlecht gepflastert, die Straßen sind enge und winklich und Alles verräth hier die stürmische und ärmliche Zeit ihrer Erbauung. Dennoch befindet sich in diesem Stadttheile unter der Hänsermasse^ welche die Haupt­kirche umgibt, das Hotel Blossac, welches damals der Herzog von ChaumcS, der Gouverneur der Provinz, bewohnte; we­nige Schritte davon entfernt lag auch die Wohnung des Herrn von Locmaria. Als Herr von Tonquedec seine Frau verließ, übersah er den Platz vor seinem Hause und überzeugte sich, daß der Nebenbuhler nicht mehr in der Nähe sei, hierauf be­gab er sich in die untere Stadt, wo in einer der engsten Straßen ihm plötzlich eine junge Frau entgegensprang, indem sie, weinend und laut jammernd, von einem alten Mann, dem Anscheine nach, einem Schuhmacher, verfolgt wurde, welcher ihre Schultern mit dem Knieeriemeu bearbeitete. Herr von Tonquedec blieb stehen und nahm die Fran in seinen Schutz, r den Alten von ihr abhaltend.