Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Xr. US
Montag den 23 Mai
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Der Viereckig oder die amerieanische Kiste.
Eine Erzählung von Berthold Auerbach.
(Fortsetzung.)
Im Frühling war eine lustige Hochzeit im Dorfe, die aber ihre traurigen Folgen hatte. Der Schackle war zurück-, gekehrt und heirathete eine KausmannStochter aus der nahen Amtsstadt und errichtete einen großen Kramladen mit langen, bis an den Boden reichenden Fenstern, wie man solche im Dorfe noch nie gesehen. Die Zuckerin, die, gestützt auf ihren jetzigen Fainilienanhang bei Schultheiß und Gemeiuderath, die ^Gestattung dieser Concurrenz hatte verhindern wollen, brachte nichts zu Stande, und-sie, die einst die Familie Laveri's so
hoch gerühmt hatte, konnte nicht genug Schimpfworte auf dieselbe finden und den Laven hieß sie fast nicht mehr anders als den „Garnichts", weil er einmal gesagt hatte: „Ich kümmere mich um die Sache gar nichts!" und dabei selbst verblieben war. Die Zuckerin suchte jetzt den Laveri zu stacheln, daß er dem Pflugwirth dafür seinen Auswandererhandel verderbe; dieser aber war nicht mehr dazu aufgelegt; dennoch versagte er sich die Schadenfreude nicht, ihr vorzuhalten, daß sie ihn verhindert habe, als eö noch Zeit war und ihn jetzt erwähnte, da cs zu spät sei. Nun wollte sie, daß er mindestens dem Schackle nicht zur Hochzeit gehe; aber auch hierin willfahrte ihr Laveri nicht; er war ja der alte Beschützer des Schackle gewesen und schloß zuletzt auf jede Ermahnung: „Ich bin kein Krämer!"
; Kaveri pfiff lustig, als er zum Hochzeitsschmause des Schackle ging und hörte nicht auf das Brummen und auf das laute schelten seiner Frau; er zog sein bestes america- nisches Gewand an und versteckte noch darunter sein Wald- < horu. Er entsetzte sich fast, als er seine Frau ansah: wie hatte diese sich so fürchterlich verändert! Ihre ganze Erscheinung war so über alle Maßen vernachlässigt, daß er sich fast gar nicht glauben mochte, daß das seine Frau sei. Die Zuckerin wußte, daß ihr Mann noch vom Soldatenleben her viel auf ein propres Wesen hielt und fast zu seinem Aerger vernach-
„Kannst dich anziehen und auf den Abend Nachkommen, ich will einmal gut essen!" sagte Laven und ging nach dem PflugwirtHS Hause.
Das Waldhorn tönte am Abend das ganze Dorf hinauf; es konnte Niemand anders sein als der Laveri, der so schön blies. Die Zuckerin saß daheim in Zorn und bitterem Haß und sie wußte am Ende nichts Anderes zu thun, womit sie ihren Mann ärgern könnte, als daß sic ein Beil holte, um die Kiste zu zertrümmern. Er hütete die Kiste wie ein Kleinod; er hatte seine Frau gebeten, ja ihr streng befohlen, sie nie zn berühren; darum sollte sie jetzt zerstört werden. Die Zuckerin besann sich aber doch wieder, daß sie einen namhaften Geldwerth zerstörte und ließ nun ihren Zorn damit aus, daß "sie
mit dem, Beil den Namen Laveri's und die beiden Waldhörner anSkratzte. Sie ging vor das Haus und jetzt sagte ihr , eine wohlwollende Nachbarin, daß der Laveri tanze wie ein junger Bursch. Schnell sprang sie nach dem Wirthshause und eilte athemlos die Treppe hinauf. Dort tanzte eben Laveri mit des PflugwirtHS Agathe und jauchzte und sang dabei; i schnell sprang sie durch die hier tanzenden Paare und stand auch gleich vor ihrem Laveri. „Was machst du da?" schrie sie laut.
„Guck, die ist halt schöner als du!" erwiderte Laveri. Fluchend und mit gellendem Schreien, daß darob die Musik eiuhiclt zu spielen, schimpfte nun die Zuckerin die Agathe, die aber ganz ruhig erwiderte: „WaS schändest du so? Ich mag ihn nicht; wenn ich ihn gemocht hätt', hätt'st du ihn nicht kriegt!"
„Du stehst ja aus wie der Hanfbutz!" rief Laveri und ; in übermüthiger Laune begann er das Lied zu singen.:
I g'sieh kein Krapp, i g'sieh kein Vogel — ^ A
Der Hanfbutz, der Hanfbutz, der Haufbutz isch dol
Die Musik begann die Weisung zn spielen und Alles jauchzte hellauf und tanzte und drückte die Zuckerin hinaus. Diese eilte zu der Mutter Laveri's und zu Trudpert. Bald sah man Letzter» auf dem Tanzboden und Laveri verschwand gleich nach ihm.
