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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

Nr. 116. Freitag den 20. Mai jss«.

Der Viereckig oder die americanLsche Aiste.

Eine Erzählung von Berthold Auerbach.

(Fortsetzung.)

Der Schultheiß ging aufs Rathhaus, Trudpert aufs Feld und Laveri blieb noch lange mit seiner Braut bei der Mut­ter; er wollte vorher sich die seltsame Kunde im Dorfe ver­breiten und bereden lassen, ehe er sich mit seiner Braut zeigte. Vor dieser öffentlichen Schaustellung bangte ihm überhaupt sehr, nur das glückstrahlende Gesicht seiner Mutter erheiterte ihn und er sagte sich zum ersten Male in seinem Leben, daß er eigentlich ein guter Sohn sei. Fast nur der Mutter zu lieb' that er schon mit seiner Braut, aber dennoch willfahrte er nicht, daß er sie jetzt nach Hause geleite. Die Zuckerin ging allein. Den ganzen Tag verließ Laveri die Stube nicht, er saß fast immer still in sich zusammengekauert auf seiner blauen Kiste, er las wiederholt seinen UeberfahrtSvertrag und dann las er ihn nicht mehr und starrte nur hin auf das Pa­pier, auf die abgebildete Bruderhand, auf die gedruckten Zei­len, dazwischen sein Name eingeschrieben war und dann sah er nichts mehr und Alles schwamm ihm vor den Augen. Erst in der Dämmerung machte er sich auf Zureden der Mutter- auf, seine Braut zu besuchen; er wurde von allen Begegnen­den stille gehalten und spöttisch hieß man ihn willkommen aus America. Und ebenso schien es, daß man ihm zu seiner Ver­lobung Glück wünschte.

Die Mutter faß still daheim und betete immerfort; es lag ihr schwer auf dem Herzen,. daß sie vielleicht doch ihr Kind in's Elend hineingezwungen habe; Laveri hatte so gar kein bräutliches Ansehen; aber sie getröstete sich wieder, daß es die zurückgehaltene Auswanderung, nicht aber die wider­wärtige Verlobung sei, die den Trübsinn in sein Angesicht brachte.

Die Zuckerin war unwillig, daß ihr Bräutigam erst jetzt sich zeigte, und dieser mußte, um sie zu versöhnen, zärtlicher sein, als es ihm im Sinne lag. Als er im Gespräche darauf kam, daß er dem Pflugwirthe das Handwerk legen wolle, sagte die Zuckerin zuerst: „Das geht nicht, das leid' ich nicht) mein

Mann muß daheim bleiben und nicht draußen ich weiß nicht was treiben."

Als Laveri auf diese Worte aufstand und sie zornig an­sah, setzte sie schnell begütigend hinzu: „Nun, es läßt sich ja drüber reden, es braucht ja nicht Alles heut' ausgemacht zu sein." Als Laveri zuletzt sich noch ein Päckchen Backenknaster mitnahm und nicht anders that, als daß er es bezahlte, gab chm seine Braut noch ein anderes Päckchen Tabak und sagte: „Probir' einmal den, der kostet die Hälfte, probir' ihn nur, und er wird dir schmecken, so gut wie der theure; es ist ja nur geraucht."

„Du bist ja außerordentlich häuslich," sagte Laveri mit spöttischem Lob, aber die Zuckerin nahm dies für ein wirkli­ches hin.

Das Einzige, was Laveri zu Hause seiner Mutter klagte, war diese Geschichte mit dem Tabak, aber die Mutter be­schwichtigte ihn: „Sie ist halt ein blutarmes Mädchen gewe­sen,, das den Kreuzer werthhalten muß und hat nachber-dru Geizhals gehabt. Weiber verthun genug, sei froh, daß du eine häusliche hast, und sie wird sich schon daran gewöhnen, was der Brauch ist bei Einem, der aus einem rechtschaffenen Bauernhaus kommt."

Laveri fügte sich darein, daß man sich ins Leben finden müsse so gut es geht und seltsam —• diese weiche in sich ent­sagende Stimmung, die der Trotzkopf zum ersten male in seinem Leben kannte, machte ihn nicht minder empfindlich gegen die Neckereien, die er vielfach auszustehen hatte wegen seines Daheimbleibens. Die Leute waren ihm fast gram, daß er sie um ihre Theilnahme wegen seines Weggehens betrogen hatte, sie hatten ihm diese gewidmet und er war ihnen nun auch schuldig wegzugehen. Fast eine stehende Frage, die man an ihn richtete, war, wie es in America aussehe iftb wie er die Seekrankheit überstanden habe. Zu seiner Verlobung glück­wünschte man ihm größtentheils aufrichtig und weil Laveri gerade wegen dieser in sich bedrückt war, fühlte er die Spöt­tereien wegen seines Verbleibens fast gar nicht.

Der Pflugwirth hatte sich dazu verstanden, das Ueberfahrts« geld wieder herauszugeben, aber die Bedingung festgesetzt, daß