Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Xr. 111,
Freitag den 13. Mai
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Der Viereckig oder die americamsche Kiste.
I Eine Erzählung von Berthold Auerbach.
(Fortsetzung.)
Am andern Morgen war eine seltsame Verhandlung beim I Schultheißenamt. Laveri bekannte offen, daß er bei der Rau- fern gewesen, aber er leugnete beharrlich, mit dem grausigen Mall in irgend eine persönliche Berührung gekommen zu sein und staunend sah ihn der Diener der öffentlichen Ordnung an, der Laveri mußte einen Kopf härter als Stahl und Elsen haben, denn nicht eine Spur irgend einer Verletzung war daran zu bemerken und Laveri war so lnstig wie je. Der S Schultheiß, der ein Vetter Laven'S war, ließ die Verhandlung Mach dieser Seite hin gern auf sich beruhen, denn eine Auf- Mlehnung und ein persönlicher Angriff gegen den Polizeisolda- len hatte, wenn vollkommen erwiesen, nicht die leicht zu ver «windende Strafe von ein paar Wochen bürgerlichen Gefängnisses oder eine Geldbuße nach sich geführt, sondern entehrendes Arbeitshaus. Um so. ernster nahm dagegen der Schultheiß die Rauferei mit den Deimerstetter Burschen, und hier sah sich Laveri in einer sehr seltsamen Falle gefangen, er wollte durchaus nicht sagen, was eigentlich der Grund seines Zornausbruches gegen des Lenzbauern Philipp war, er bezeichnete ihn im Allgemeinen als Ehrenkränkung, und als der Schultheiß spöttelnd darauf, kam und auch die Genossen mittheilten, daß der Unname die eigentliche Veranlassung gewesen sei, und als einer nach dem andern unter großem Gelächter das Wort: „der Viereckig" aussprach, war Laveri voll Wuth und schrie Wimmer:
"Das Wort darf nicht in'S Protocoll, das darf nicht auf dem Nathhaus eingetragen sein, sonst ist's ja für ewige Zeiten fest, das darf man gar nicht nennen, gar nicht erwähnen, das Ileid ich nicht, sonst hat's der ganze Gemeinderath mit mir zu thun."
Alle diese Einwände halfen nichts und Laveri sah zu seinem Schrecken, daß er hervorgerufen , was er auf ewig verstummen machen wollte. Er selbst mußte zuletzt seinen Namen unter ein Protocoll schreiben, worin cs deutlich und
mehrfach wiederholt hieß, daß er den Schimpfnamen: „der Viereckig" habe.
Als er vom Nathhause herunter kam, ballte er die Faust und knirschend schaute er das Dorf auf und ab. Freilich hatte er fortan den seltenen Ruhm, daß er einen so harten Kopf habe, daß das Gewehr des grausigen Mall daran splitterte, ohne ihn zu verletzen. Eine Zeit lang schien es- daß dieser Ruhm Das überdeckte, daß er einen so bösen Schiutpf- namcn hatte. Die nicht zu bewältigende Macht im Raufen brachte ihm viel Lob und Ehre ein. Es ist aber doch ein seltsames Ding um einen solchen Ruhm. Die Bethätigung einer ungewöhnlichen Kraft, ein wüstes Raufen kann sich eine Zeit lang als Bedeutung geltend machen, oft aber tritt plötzlich eine Ernüchterung ein; die Menschen besinnen sich, was denn das eigentlich sei, und wenn man nicht immer neue glorreiche Thaten anfbringen kann, erscheinen die verjährten Rechte eines Gewalthabers plötzlich in Frage gestellt. Eine Widerspänstigkeit gegen das herrische Wesen Laveri's machte sich im ganzen Dorfe geltend, er hieß jetzt nur immer „der Viereckig" und mußte das mit guter Miene gelten lassen, denn er konnte doch nicht immer drein schlagen. Des Pflug- wirths Lisabeth vor Allen entzog sich ihm, sie sah jetzt aus einmal, daß Laveri auch gegen sie roh und gewaltthätig gewesen war, er hatte sie behandelt, als müsse man ihm ohne Frage gehorchen und indem sie sich von solcher Unterthänigkeit frei machte, machte sie sich auch von Laveri selber ganz frei. Das geschah besonders, seitdem des Lenzbauern Philipp von Deimcrstctten ungehindert im Dorfe ans- und einging, denn der Schultheiß hatte Laveri gedroht, sobald den fremden Burschen im Dorfe irgend eine Unbill widerfahre, würde er ohne Untersuchung Laveri dafür in Strafe ziehen, und dieser mußte nun fast selber der Wächter seines Nebenbuhlers sein.
Bald wurde Lisabeth Braut mit des Lenzbauern Philipp und Xaveri that, als ob ihm das sehr gleichgültig sei, er besuchte nach wie vor das HauS des Pflugwirths, und als Lisabeth in Beimerstetten Hochzeit machte, ritt er dem geschmückten Brautwagen voraus auf seinem wohlbekannten Apfelschimmel, und an dem schönen breiten Hute, den er
