Der Wanderer.
--—«Koogs—-- Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Kr. 109. Mittwoch den 11. Mai /ssa.
Der Viereckig oder die americanische Kiste. Eine Erzählung von Berthold Auerbach.
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(Fortsetzung.)
An einer Kindesseele verschwinden alsbald die Spuren i der tiefsten Eindrücke; es hat sein Gutes weit mehr als sein Schlimmes, daß die jugendliche Spannkraft in ihrem freien Wachsthums beharrt. Wer aber weiß, was dem Forscherauge unfaßbar in der unbewußten Kindesseele fortwaltet? Wenn von brausender Locomotive ein brennender Funke in den offenen Kelch einer Blume fällt, vom Winde alsbald verweht und verlöscht wird, ihr seht keine Spur an dem offenen Kelch, ^ber an dem Boden, darin die Wurzel saugt, ruht die verlöschte Asche und nährt sie fördernd und verderbend.
^ Wenn der Xaveri nicht seinen Bruder damit neckte, dachte er nicht mehr an America, und nur einmal, als Kinder aus der Schule mit ihren Feltern answauderten, trug er ihnen auf, dem „Schreiner Jochem drüben" alle Schimpf und Schande zu sagen; ja er schrieb einen Brief an ihn mit den heftigsten Drohungen, wenn er nicht den Sack, worin das Dürrobst war, wieder mit Gold gefüllt zurückschicke.
In seinem zwölften Jahre stand der Xaveri schon vor Gericht und wurde auf einen Tag eingesperrt. Im Dorfe war eine äußerst verhaßte Persönlichkeit, und zwar diejenige, welche die öffentliche Ordnung handhabte. Der „Wullisepple," so genannt, weil er ehemals Wolle gesponnen hatte, war Ortspolizeidiener geworden und hatte von nun an den Namen „grausig Mall", d. h. |o viel als die grausame Katze, denn er war den Nachtbuben äußerst aufsäßig und konnte seine Augen funkeln lassen wie eine Katze. Nun nahmen die Burschen einst Rache an ihm und dazu gebrauchten sie den Xaveri. Es war auf dem Tanze, da wurde der kleine Xa- vcri von den Burschen vor die Musikanten hingestellt und er rief: „Aufgevaßt! Es kommt ein neuer Tanz!" und saug den Musikanten ein Spottlied auf den grausigen Mall vor. Dieser war zugegen und wollte dem Treiben wehren, aber die Burschen riesen: „Du gehst 'naus! Du hast das Recht erst »m elf Uhr da zu sein! Du bist Polizei und nicht Gast!"
Sie bildeten einen Knäuel und drückten den grausigen Mall hinaus; der aber rief: „Ich geh' und ich geh' zum Amt!" Nun war ein Lachen und Johlen und Singen und der Xaveri wurde von Allen auf den Armen herumgetragen. Der grausig Mall hielt Wort und Xaveri stand mit mehren Burschen vor Gericht. Man wollte wissen, woher er das Lied habe; er blieb aber dabei er habe es Morgens beim Tränken am Wetti- Brunnen gefunden. Er mußte das Lied vor dem Amtmann nochmals singen, der selbst darüber lachte, und da er dabei beharrte, Niemanden angeben zu können, wurde er auf vierundzwanzig Stunden eingesperrt. Als man ihn abführte, rief er: „Wer mich einthut, muß mich auch schon wieder austhun!"
Man kann sich denken, welch eine bewunderte Persönlichkeit Xaveri nach dieser Heldenthat war. Er hatte den giftigen Zorn des grausigen Mall nicht zu fürchten, denn alle Burschen des Dorfs waren feine Gönner.
Unter Allen im Dorfe, die das Gemüth Xaveri's verhetzten, stand das Zuckermännle obenan. Es gibt in jedem Dorfe einen besonderen Menschen, der seine eigene Freude daran hat, allerlei Wirrwarr und Feindseligkeit anzustiften, und zwar ganz ohne Eigennutz, wenn man nicht eben in der Freude an diesen Vorkommnissen einen Eigennutz sehen will. Das Zuckermännle, ein kleiner schmächtiger Schneider mit verschmitzten grauen Aeuglein in dem faltenreichen Gesichte, hatte, da es noch viel jünger an Jahren war, die alte Krämerin, die sogenannte Zuckerin, geheirathet; es hoffte, seiner Alten loszuwerden und sich dann ein frisches Weibchen nach seinem Herzen zu holen; aber die alte Zuckerin war zäh und dürr, der Tod schien gar kein Verlangen nach ihr zu haben; sie lebte zu besonderem Leidwesen ihres Mannes noch einund- dreißig Jahre. Sie war erst diesen Frühling gestorben und das Zuckermännle, das unterdessen alt und grau geworden war, ging auf fröhlichen Freiersfüßen. Bei seinem früheren Hauskreuz war es ihm ein besonderes Labsal gewesen, den Xaveri zu allerlei Schelmenstreichen anzustiften und er suchte dann mit heimlicher Schadenfreude die Beschädigten auf, um I Mittel und Wege zu neuen zu entdecken. Seit Xaveri aus
