Einzelbild herunterladen
 

Wer Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

xr. 1^7. Moniaz; den JJ. Mai /ss».

Der Viereâig oder die americamsche Kiste.

Eine Erzählung von Berthold Auerbach.

Berthold Auerbach theilt nun in Gnßkow's „Untcr- Wltungeu am häuslichen Herd" seine neueste Dorfgeschichte mit. Auerbach hat diesmal in den Bereich seiner psychologisch so richtigen und lebendigen Schilderungen das mittlerweile im Schwarzwald wie beinahe allerwärts in unserem Vaterland so heftig gewordene Auswanderungsfieber gezogen, das in die idyllische selbstzufriedene Ruhe ländlicher Einfachheit ihm nun seine gekrönten und zersetzenden Elemente wirft, ihm die ganze Eigenthümlichkeit des Volkslebens ganz umzn- wandeln droht und niebt länger unbeachtet bleiben konnte. Ob Auerbach's Dorfgeschichten dadurch gewonnen haben, ob seine Darstellung gelungen, wird der Leser beurtheilen. Der Name des Verfassers und das auch uns naher liegende Thema der Erzähküng dürften sein Interesse von vornherein anregen.

*

„Ich glaub' nicht, an America," sagte einst die alte La- cheuhäuerin in der Hohlgasse, als man ihr Vielerlei und dar­unter aueb Fabelhaftes von dem fernen großmächtigen Lande erzählte. Die Leute erlustigten sich über diese einfältige Rede; denn die Lacheubäueriu hatte keineswegs damit nur sagen wollen, daß sie nicht an die Verheißungen und Hoffnungen America's glaube; sie erklärte sich einfach dahin, sie glaube überhaupt nicht an das Dasein von America, das sei Alles lauter Lug und Trug. Sie bemühte sich dazu nicht zu mehr Beweisen, als die Großen am spanischen Hofe gegen Colum­bus vorbrachteu, sie glaubten eben nicht an America und fe­ster Unglaube läßt sich eben so wenig überführen wie ein fe­ster Glaube.

Wenn heutigen Tags Jemand im Dorfe durch irgend welche Hindernisse nicht nach America auswandern kann, hilft er sich mir der Scherzrede: „Ich glaub' nicht an America wie die alte Lachenbäuerin."

Es gibt aber landauf und landab kein Haus mehr, in dem man nicht den lebendigen Beweis vom Gegentheile hätte. Da ist ein Geschwister, dort ein Verwandter oder auch nur ein

Bekannter in America, man weiß den einzelnen Staat zu nen­nen, in dem sie sich angesiedelt haben, man hat Briefe von ihnen gelesen oder gehört.

Im Wirthshause des entlegensten Dorfes, wo man aus einem guten Schoppen Kräftigung oder Vergessenheit trinken will, schreibt mitten aus den Tabakswolken eine Zauberhand ihr Mene Tekel an die Wand; da legen sich zwei Hände brüderlich ineinander, da segelt ein buntgeflaggtes Schiff aus grüner See und in flammenrothen Buchstaben leuchtet die Botschaft: Nach America! Verschwunden ist alles Selbstver­gessen und der Geist, der sich in sich versenken und begnügen wollte, wird mit Zaubergewalt hinausgetragen auf das unab­sehbare Wellenwogen der Ueberlegungen und Berathungen. Freilich ist bei dieser Schrift keine Zauberei, sie ist nur ein Meisterstück der Bnchdruckerkunst und die zahllosen Auswan- derungsexpeditiouen, die Bruderhand, das treue Geleite, die sichere Obhut, die glückliche Zukunft und wie sie sich alle nen­nen, Auswanderungsagcnten mit ihren Helfershelfern, Wirthen, Schulmeistern und Krämern sorgen dafür, daß man allerorten eingedenk sein muß, wie weit wir es in der Kunst Guten­berg's gebracht. Ist der Blick aber auch nur flüchtig von diesen Zeichen gefesselt worden, so muß auch das Wort ihm folgen, und Menschen , ihr lebenlang kein anderes Fahrzeug : auf dein Wasser gesehen, als den Flotz, der eilig an der ' Wiese vorbeischwimmt, darauf sie mähen, sprechen von gekup- feiten Dreimastern , vom Leben in den Vorkajüten und dem Zwischendeck. Menschen, die es daheim nicht zu einer haird- breit Erde bringen können, sprechen von Congreßland und den tausend Morgen, die sich dort leicht erwerben lassen.

America schickte uns einst die Kartoffel, die in der Alten Welt heimisch und zum Bedürfniß geworden, in hunderterlei Art bereitet und genossen wird; man kann fast sagen, das Gespräch über America ist auch eine Art Kartoffel, das wird gesotten und gebraten, in hunderterlei Arten bereitet und so­gar zum berauschenden Trank hergerichtet.

Wie erlaben und erhitzen sich oft die Sonntagsgäste an der Kartoffel in Trank und Wort, und kehren sie dann heim ' in ihre Behausungen, so kommen sie aus dem fernen Lande