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Oer Wanderer.

--- —ig»e»M»—--- Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

ar. 103. Freitag den 6. Mai is&t.

D i e ll r n r.

Ein Pastellbild aus der Zeit der Reifröcke.

sFortsetzung.)

„Da ist die Bescheinigung," antwortete Frontin, indem er das Papier hinreichte, das der Marquis aufmerksam betrachtete und las.

„Nun, Marquis ?" fragte die Marquise mit matter Stimme.

„Ich bin verdrängt!" antwortete der Marquis heftig und er warf sich wie in Verzweiflung auf einen Stuhl nieder.

„Es ist also wahr!" rief die Marquise aus. „Und Dich schickt man zu mir, Frontin?"

„Ja, gnädige Frau. Da das ganze Vermögen des Grafen in Folge des Gerüchts von seinem Tode in die Hände seiner Erben übergangen ist, so kann er erst durch Prozesse wieder in Besitz desselben kommen und er hofft, die Frau Gräfin werde ihm das Lösegeld verschießen, das man von ihm ver­langt hatte."

„Und welches Lösegeld verlangt man?" fragte die Marquise.

„Für ihn und für mich, alles in allem, hunderttausend Thaler."

„Hunderttausend Thaler!" wiederholte die Marquise in klagendem Tone. „Das ist eine große Summe, Frontin, aber sie erschreckt mich nicht und — wenn ich sie hätte, würde ich sie gern hingeben. Wenn ich aber auch alles ver­kaufte, wenn ich mir alles versagt, könnte ich doch, glaube ich, nicht über hunderttausend Thaler verfügen. Uebrigens bin ich zu allem bereit. Der Graf kennt meine Verhältnisse. Verlangt er, daß ich in die tiefste Armuth versinke, daß ich kaum so viel behalte, um mich-bekleiden zu können? Willer das, so möge er es mir sagen lassen."

„Gnädige Frau," entgegnete Frontin, „er will jetzt weiter nichts als keine Peitschenhiebe mehr erhalten."

„Peitschenhiebe!" wiederholte die Marquise. „Ist es möglich, daß man einen Mann von seiner Stellung so un­würdig behandelt?"

„Ach, gnädige Frau, wenn man nur seine Stellung be- !

handelte! Aber man behandelt, man peitscht seine Haut. . . Was also befiehlt die gnädige Frau?"

„Höre mich aufmerksam an," antwortete die Marquise langsam und gemessen. „Du kehrst nach Algier zurück und sagst dem Grafen, ich hätte nicht aufgehört ihn Tag und Nacht zu beweinen; meine treue Liebe und mein endloser Schmerz wären hier das allgemeine Tagesgespräch; ich hätte nicht lange mehr zu leben, weil mich ein inneres Leiden be­fallen, daß der Kunst und Wissenschaft der geschicktesten Aerzte spotte; die hunderttausend Thaler besäße ich nicht, aber ich würde sofort Ersparnisse einführen, mich mit Wasser und Brod begnügen, wenn es sein müßte und nach einigen Jahren, wenn ich am Leben bliebe . . ."

„ 9iein, nein," fiel der Marquis ein, indem er rasch auf­stand, man soll nicht sagen können, eine Frau, die doch einen Augenblick mich mit ihrem Wohlwollen beehrt, sei zu harten Entbehrungen, vielleicht gar zu ewiger Trauer gezwungen worden, während es von mir abhängt sie diesem Unglücke zu entziehen. Ich besitze die hunderttausend Thaler, und leihe sie, nicht Ihnen, Madame, denn Sie würden das Geld von meiner Hand wahrscheinlich zurückweisen, sondern dem Herrn Grafen, dessen Lage wohl diesen meinen Schritt rechtfertigt."

„Ach, Herr," rief Frontin gerührt ■ ans, „Sie thun da eine edle große That!"

„Ja, Marquis," setzte die Marquise noch immer in kla­gendem Tone hinzu, „es ist recht schön, aber — ich möchte doch vorher noch mit Ihnen sprechen. Lisette, begleite Fron­tin in die Küche, dann komme wieder hierher."

„Sie thun da wahrhaftig eine edle That, Herr!" wie­derholte Frontin, „und ich werde auf Ihre Gesundheit und Ihre edle That trinken," setzte er hinzu, indem er mit Li­setten hinausging.

„Dieser Zug, Herr Marquis," sagte darauf die Mar­quise, „erfüllt mich mit Dankbarkeit; ich fürchte nur, daß Sie über Ihre Kräfte hinausgehen."

„Nein, nein; meine künftige Lebensweise erlaubt mir dieses Opfer recht wohl."

„Welche Lebensweise?" fragte die Marquise.