Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Xr. 103 Dienstag den 3. Mai iss».
D i e II r II e.
Ein Pastellbilv aus der Zeit der Reifröcke.
(Fortsetzung.)
„Ach Gott, Lisette, er wird mich ermorden wollen!" jammerte die Marquise. . . „Lege mir schnell das Schön- Pflästerchen da her an den Augenwinkel und . . . verlaß mich nicht, gute Lisette, denn es wird etwas Schreckliches geschehen. . . . Herein!" rief sie dann als an die Thür geklopft wurde. „Möge Gott mit seinen Engeln uns schützen und uns unsere Sünden vergeben!" fügte sie hinzu, während sic sich wieder setzte und der Marquis mit einer Grabesurne auf dem Arme eintrat,
„Was soll diese Urne bedeuten, Frau Marquise?" fragte er in finsterm Ernste.
„Diese Urne?" wiederholte die Marquise.
„Ja, Madame, diese Urne!" antwortete der Marquis, indem er sie auf ein Tischchen stellte. „Laß uns allein, Lisette," setzte er hinzu und als das Mädchen sich entfernt hatte, fuhr er fort: „Ich frage sehr ernst, Frau Marquise, was diese Urne mit der Inschrift da bedeuten soll? Sie lautet:
„Dem Andenken eines vortreffilchen Mannes der nur den einzigen Fehler hatte, daß er sterblich war."
„Ich finde darin nichts Verbrecherisches," entgegnete die Marquise ausweichend.
„Sie scheinen meine Geduld für unerschöpflich zu halten," fuhr der Marquis fort. „Freilich haben Sie sich dieselbe außerordentlich umfänglich vorstellen müssen, da ich mich in die unerhörte Laune fügte, mit welcher Sie Ihre Seltsamkeiten beginnen zu müssen glaubten. Indeß, wenn dieselben kein Ende nehmen, so bin ich entschlossen. . ."
„Herr Marquis," fiel die junge Frau ein, „bedenken Sie Ihre Worte wohl; Sie wagen zu drohen. . . Vergessen Sie was geschehen ist? Habe ich Ihnen den Zustand meines Herzens verheimlicht', als Sie mir die Ehre erwiesen, um . meine Hand zu werben? Der Verlust des seltenen Mannes !
der mein erster Gatte war, und die schmerzlichen Umstände, unter welchen er erfolgte, mußten eine schwer zu verlöschende Erinnerung in mir zurücklassen. Ich habe das nicht verschwiegen und Achtung meiner Trauer von Ihnen verlangt. Sie haben mir dieselbe zugesagt nnd Sie sollten mir die Mühe ersparen, Sie daran zu erinnern.
„Ja," entgegnete der Marquis, „ich habe es versprochen, aber durfte ich mir nicht schmeicheln, daß die Zeit auch hier thun werde, was sie überall thut, daß sie mir beistehen werde, jene Liebe über das Grab hinaus zu überwinden? Gegen alle Erwartung wächst dagegen jene seltsame Trauer mehr und mehr. . . Sie feiern alle möglichen Jahrestage, verfassen Grabschriften, verwandeln meinen Park in einen Friedhof. . . Frau Marquise, das ist nicht mehr Trauer über einen Verlust, das ist Verspottung der Lebenden. . . Die Frau des Königs Mausolus, welche sogar die Asche ihres Gemahls bis auf das letzte Stäubchen verzehrte, wurde ruhig, als sie dies gethan hatte und — sprach nicht weiter von ihm."
„Sie sind gefühllos, Marquis," antwortete die Marquise, „und kennen überdies die Geschichte nicht. Jene unglückliche Königin überlebte den Verlust ihres Gemahls nur ein Jahr."
„Noch besser, Frau Marquise! . . . Warum folgen Sie ihrem Beispiele nicht ganz? Sterben Sie doch, sterben Sie vor Gram, und machen Sie mich damit ganz und gar lächerlich."
„Lächerlich!" wiederholte die Marquise mit einem leichten Anfluge von Lächeln. „Das ist es, was Sie empört?"
„Allerdings, Madame. . . Glauben Sie, daß unsere eigenthümliche Ehe von den Böswilligen nicht bemerkt und selbst von der Dienerschaft besprochen werde? Frau Mar-^ quise, geben Sie mir einen Nebenbuhler von Fleisch und Blut und, ich schwöre es Ihnen zu, ich werde dafür sorgen, daß man nicht lache. . . . Was kann ich aber mit dem Todten anfangen?"
„Was soll das heißen?"
„Das dürfte sehr leicht zu errathen sein", antwortete der Marquis heftig. „Da er schon bei dem Teufel ist, kann ich ihn nicht zu demselben schicken, — das ist das Schlimme."
