Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
z» 101.
Samstag den 30. 3pnl
185:8.
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Ein Pastellbilv aus der Zeit der Reifröcke.
An einem wonnigen Frühlingsmotgen war ein niedliches Zöfchen auf dem grünen Platze vor einem Schlosse beschäftigt die Blumen in den Basen zn ordnen, während ein Neger- knabe in rother Livree mit Gold die welken Blätter wegnahm und die dürren Zweige abschnitt. Lisette trällerte eine Zeit lang halblaut zu ihrer Arbeit, nach einem Blicke in die schattige Allee aber unterbrach sie sich mit den Worten: „Was seh ich da? Schwarzer, was für ein Tressenhut kommt da die Allee her und Haut mit der Peitsche die Zweige ab? Jst's nicht der gnädige Herr?"
„Ja, der Herr ist's."-
„Der Herr? Sclave, Du, was ist ein Herr? Ich kenne keinen Herrn... der Herr Marquis ist's. Und woher kommt der Gnädige schon früh um acht Uhr? Hat wohl mit deu hübscheu Pächterinnen Abrechnung zu halten gehabt? — Recht muß Recht bleiben; der erste Mann der gum Marquise mochte seine Fehler auch haben, aber das muß man ihm nachsagen, daß er seine schöne Frau nicht schon mit Tagesanbruch verließ, um ... Ach Gott, Herr Marquis, kommen Sie nicht so nahe mit ihrem Pferde!" setzte sie hinzu, als der Marquis herangaloppirte.
„Fürchte Dich nicht, Lisette," entgegnete dieser. „Schon aus und munter? Was thust Du da? Suchst ein tzträuß- cheu? Du siehst ja selbst aus wie eiu Röschen! ... Boab- dil, führe das Pferd svrt! . . . Und was sagt Deine Herrin heute?"
„Meine Herrin spielt mit ihrem rothen Papagei und wartet, daß sic Lust zum Aufstehen bekomme . . . Der gnädige Herr war heute so früh ausgeritten?"
„Ja, Lisette ... bis zur Stadt bin ich geritten, um mir die Trauer zu vertreiben."
„Ich fürchte sehr ..."
„Du? Was fürchtest Du? Das muß etwas sehr Wichtiges sein, denn einer Kleinigkeit wegen fürchtest Du Dich nicht, Lisette," sagte der Marquis, indem er die niedliche Zofe küßte.
„Ich fürchte, daß den,gnädigen Herrn etwas anderes fortgetrieben oder vielmehr fortgezogen ..."
„Nein, nein, ich bin wirklich und wahrhaftig sehr traurig und Du, Kind, bist viel zu schlau, als daß Du nicht längst schon errathen hättest, Deine Gebieterin sei die Ursache. Sage mir, Du hast den Grafen gekannt, nicht wahr, meinen Vorgänger? Unter uns, verdiente er eö, als er noch lebte, daß man nach seinem Tode so gar viel aus ihm macht? Rechtfertigte er die Sucht der Marquise, bei jeder Gelegenheit und unter allen Umständen mich an ihn zu erinnern?"
„Gnädiger Herr, es kommt mir nicht zu, Vergleiche an- zustellen, aber was wahr ist, bleibt wahr: er war ein Mann, den wir Alle sehr lieb hatten. Haben Sic schon gesehen, was die gnädige Frau in dem Parke hat aufstellen lassen?"
Nein . . . Aber sage mir, was für ein Phönix war dieser Graf? Ich bin doch, das muß mir mein Feind zugestehen, nicht häßlicher, als ein Anderer, und seit einem halben Jahre biete ich alles Erdenkliche auf, um jene hartnäckige Trauer zu bannen — vergebens . . . Lisette, ich kann Dir gegenüber nicht in Einzelheiten eingehen ..."
„Ja, gnädiger Herr," antwortete Lisette altklug, „es gibt im Leben bald Sonnenschein, bald Regen!"
„Das glaube ich nicht, Lisette; ich wenigstens bekomme keinen Sonnenschein. . . Du hast kein so kaltes Felsenherz wie Deine Herrin, wie kannst Du mit trockenem Auge 6en Zustand mit ansehen, in welchen Du meinen armen Lafleur gebracht hast? Er dauert mich, wenn ich ihn ansehe; diesen Morgen weinte er, als er mich puderte. . . Wenn Du ihn nicht magst, so schicke ich ihn fort. . . Ich kann doch unmöglich einen Diener behalten, der mir auf den Kopf weint. Kannst Du ihn auch nicht einmal so viel lieben, um ihn zu hcirathen? ...
„Gnädiger Herr, so wenig Sie da auch verlangen, ist es zu viel für ein Herz, in dem immer der berrliche und unglückliche Frontin herrschen wird."
„Froutin? So hieß wohl der Diener des Grafen?"
„Ach ja, gnädiger Herr, er begleitete den Grafen vor ; zwei Jahren zur Vermählungöfeier der Infantin von Spanien
