Einzelbild herunterladen
 

Der Wanderer.

----e«»e*2^*»---—

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

Wr. 100 â'itag den 2f). ^pril iss«.

Hagestolz e.

(Schluß.)

Wir wollen aber Herrn Sinner nicht durch die ganze schwierige Mission begleiten; die Vorurtheile der Frau Meier zu besiegen, ist so schwierig, daß er sie, weil er ohnehin aus­gehen muß, noch bis au ihr Haus begleitet, wo er ihr end­lich das Versprechen abringt, sie wolle wenigstens aus einen Monat den Versuch mit dem Mädchen wagen. Genug, er hat soweit gesiegt und eilt erfrischt und aufgeheitert davon nach der Kleinkinderschule, wo die alte Frau, die sie hält, immer so erfreut ist über seine Besuche. Aber cs geht nicht so rasch bei Herrn Sinner, wie er wünscht. Zuerst begegnet ihm ein kleiner Bube, der einen verhältnißmäßig schweren Butten trägt, den muß er eine Weile erleichtern, unbehindert durch das Anstarren der Vorübergehenden. Dann hört er in einer Seitengasse- klägliches Kindergeschrei; da liegt ein Wä­gelchen umgestürzt und ein Halbdutzend kleiner Arme und Beine wälzen sich unter Zetergeschrei im Koth; er richtet das Wägelchen auf und stellt die kleine Fracht wieder auf die Beine. Sinn füllt er die weiten Taschen seines Ueberziehers mit Aepfeln; ein paar kleine Mädchen, die zur Schule gehen, sehen so lüstern zu; diese bekommen auch einen Antheil, und endlich, ja endlich erreicht er die Schulstube. Es ist nicht leicht, rasch an's Ziel zu kommen, wenn man keinen Käfer hülflos liegen sehen kann und wenn man so unwiderstehlich herzensgut aussieht wie Herr Sinner. Wer seinen Weg ver­fehlt hat, der fragt von zehn Begegnenden gewiß nur ihn und weiß zum Voraus, daß er nicht nur freundlichen Bescheid gibt, sondern ihn auch begleitet, bis er nicht mehr irren kanu.

Aber sür all seine Mühen belohnt ihn die Kleinkinder­schule und der unendliche Jubel der Kleinen bei seinem Ein­tritt. Da quillt seine warme unverwüstliche KindeSnatur in reichster Fülle hervor, und wie er mit den Kleinen Soldaten spielt, ihnen Seifenblasen macht, seltsamliche Bilder auf ihre Tafel malt, ihre Lieder anhört und ihnen Geschichten erzählt, da möchte man denken, ein fröhliches Kind sei nur zum Spaß ui eine alte Menschenform geschlüpft.

Aber er kann nicht bleiben, wie gern er möchte, nicht ein­mal die Kleinen auf dem Spaziergang begleiten. Es geht nun auf einen traurigeren Schauplatz, zum Arbeitshaus für Wei­ber, das sich in der Stadt befindet. Es ist schon lange her, daß Herr Sinner dort Zutritt hat. Er ist nicht mit einer Predigt auf den Lippen eiugetreten, dazu ist er zu schüchtern, fühlt sich nicht würdig genug: aber er hat eine kleine Mann- factur von Pulverdüten, Pillenschachtcln u. dgl. dort angelegt, mit denen er seine ehemaligen Collegcn versorgt, und er hat Erlaubniß, die armen Geschöpfe die Handgriffe dabei zu leh­ren. Das thut er denn auch mit geduldigem Ernst; er läßt sie dabei unter sich reden, fragt sie, was sie früher gearbeitet, nach der Hcimath, nach Vater und Mutter, und wenn die Arbeit von statten geht, liest er auch wohl etwas vor. Die Rohesten benehmen sich wenigstens still und sittsam in seiner Gegenwart, manch verhärtetes Herz ist unter dem allmählichen Einfluß seiner innigen Herzensgüte aufgethaut, und wie viel­fach er auch hier schon belogen und betrogen worden, er weiß doch gewiß von einigen, die mit seiner Hülfe gebessert dem Leben zurückgcgcben wurden, und am Andenken an diese we­nigen erwärmt sich sein Herz immer wieder, wenn cs kalt und ninthlos werden will. Sie viel ist gewiß, daß cs allen ist, als ginge die Sonne auf, wenn das alternde freundliche Gesicht in den trübseligen Arbeitssaal herein schaut.

Sinner kommt ziemlich spät nach Hanse und seine Haus­wirthin bedauert, daß er das Esseu etwas kalt findet. — „Hat nichts zu bedeuten; ich muß ja heute noch zum Kaffee bei der Frau Präsidentin.

Heute Nachmittag gcht's also in die große Welt! Der Frau Präsidentin, einer sehr wohlthätigen Dame, hat er näm­lich seine Mitwirkung zu einer Lotterie für arme Brandver­unglückte versprochen, und er ist da sicher, nebenher noch ir­gend welchen kleinen Beitrag für verborgene Leidende zu er­halten , deren. es immer etliche aus dem Herzen trägt. Ob­gleich ibn dcr satirische Gemahl der Präsidentin eine wan­delnde Armenbüchse nannte, so war er doch jederzeit 'eine willkommene Erscheinung. Mit demselben einfachen herzlichen Benehmen kam er in der ärmlichsten Hütte wie im glänzend-