Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
xr. 91. Dienstag den 26 ^prtl /ss».
Hagestolze
(Fortsevung.)
IV.
Der Allereinsamste.
Dem Herrn Grindler konnte man gewiß nicht nachsagen, daß er um des Wohllebens willen ledig geblieben. Sein Stübchen im hintersten Theil eines Hinterhauses, das niemals weder Sonne noch Mond beschienen, sah wie das gerade Gegentheil von Wohlleben aus. Die Fenster, mit Ausnahme eines einzigen, vor dem eine Art von baufälligem Schreibtisch stand, waren mit Brettern verschlagen, um im Winter die Kälte abzuhalten; da im Sommer doch keine Sonne herein, scheinen konnte, blieben sie das ganze Jahr so. Die Möbeln hatten durchaus keine Familienähnlichkeit mit einander und schienen über ihr Zusammentreffen hier nicht wenig erstaunt. Das ungepolsterte Kanape, das aus -einer alten Bierschenke stamme» mochte, sah höchst plebejisch aus, der Lehnstuhl dagegen, an dem noch Reste von grünem Saffian sichtbar waren, hatte bessere Tage gesehen, bevor er aus dem Nachlaß eines gichtbrüchigen Nachbars, seines dritten Herrn, von Herrn Grindler erstanden worden war, er hatte daher noch eine etwas hochmüthige Physiognomie. Der Tisch wäre ein hübsches Rococomöbel gewesen, wenn nicht das vierte seiner geschweiften Beine, das er in irgend einer Affaire verloren, durch einen ordinären Pfahl ergänzt gewesen wäre. Die zwei Stühle, die das Ammeublement vollendeten, machten gar keine Prätensionen, sondern streckten ihre vier geraden Füße sans kayon nach allen Himmelsgegenden.
Wir belauschen den Besitzer dieses reizenden Etablissements in einer seiner heitersten Stunden — er hatte deren nicht viele ■— bei der Mückenjagd, seiner täglichen Unterhaltung nach Tisch. In seinem Sommerneglige, einer alten leinenen Blonse, in der er dereinst seine erste Reise gemacht, steht er am Fenster, dessen Sims voll getödteter Fliegen liegt, nud überzählt das geschlagene Heer, das er auf einem alten Zei- tungöbogen arrangirt. „Fünfhundert und zwanzig sammt vierzehn Offizieren!" spricht er frohlockend (Offiziere waren näm
lich die Schmeißfliegen).— „Sachte, Ricke!" ruft er der ein- tretenden Magd zu, die soeben mit dem Ellbogen an das Terrain stößt, so daß das Armeecorps zu Boden fällt. „Sie ist doch eine ungeschickte Person! War so sauber geordnet! nun sann Sie's selbst auflesen." — „Das ginge mir ab," sagt Ricke trotzig; „lesen Sie's selbst auf, der Stubenboden ist ohnehin garstig; wofür hab' ich einen Spucknapf herein gestellt?"— „Aber seh' Sie nur, wie viel Mücken! — „Ja, ist ein Wunder, von was die sich fortgebracht haben, hier, wo eine schwindsüchtige Ameis nicht genug bekäme!" — „Ist Ihre eigene Schuld, wenn Sie nicht genug bekommt, warum sorgt Sie nicht für bessere Nahrungsmittel? Das Gemüse war heut so schlecht!" — „Von einem Vierling Butter wöchentlich kann ich's nicht im Schmalz schwimmen lasten!" schnautzt Ricke. — „Und die Milch war diesen Morgen noch dünner und blauer wie sonst."
„So melken Sie selbst!" schnurrt die Köchin, die aller- dingS den Rahm für ihre geheimen Fonds gebraucht hatte; „warum trinken Sie nicht Kaffee wie ein anderer Christen- meusch?" — „Ist nur wegen der Gesundheit." — „So? und als die Frau Schwester hier war und ihren eigenen Kaffee bei sich hatte, da war er Ihnen gesund, nicht wahr?" — „Geschah nur meiner Schwester zu lieb. Uebrigens habe ich gestern in Paulizki's medicinischem Rathgeber für Laien gelesen, daß Kaffee für Leute von sitzender Lebensart gesund ist, deßhalb könnte man von nun an täglich von einem halben Loth sabriciren. Das Pfund zu achtundzwanzig Kreuzer, die etwaige Einbuße mitgerechnet, dazu —"— Für einen rothen Heller Milch und eine halbe Brodrinde!" schreit bk erboste Magd, „und für mich das Nachsehen."
„Nun, so sei Sie doch zufrieden!" beschwichtigt Herr Grindler; „es wird schon reichen, wir wollen sehen. Wer war den Vormittag da?" — „Der Herr Neveu," antwortete Ricke in wunderbar artigem Tone, indem sie sich zu schaffen macht. „So? was will er?" — „Weiß nicht," sagt Ricke mit wachsender Geschmeidigkeit; „Geld holen vielleich er sagte, er gehe ins große Herbstmanöver; wird wohl was vom Herrn Onkel brauchen können, hat, glaub' ich, auch Schul-
