Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Xr. «5.
Samstag den 23. ^iprit
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Hagestolze.
, (Fortsetzung.)
III.
Ein alter Lowe.
Hat cs je einen flickeren Tänzer, einen besseren Reiter, einen angenehmeren Gesellschafter gegeben als den jungen Bergmann? Ich glaube kaum. Auf sechs Stunden im Umkreis konnte kein Ball gefeiert werden ohne seine Mitwirkung und die Dame, mit der er den Cotillou getanzt, brachte acht Tage die Lippen nicht wieder zusammen vor innerlichem Ver- guügen. Er war gewiß, bei der Sitztour nie hinter den Stuhl gestellt zu werden, und wo Körbchen, Rose und Ring vertheilt wurden, da trug er sicher immeu den Ring davon.
Er hörte eS sehr gern, wenn man ihn einen Herzbrecher und einen Schmetterling nannte; er meinte es nicht schlimm, aber er fand es äußerst anziehend, in einem jungen Auge die ersten Spuren eines zarten Gefühls zu lesen, und er zog sich dann mit höchst lobenswerther Vorsicht zurück, ehe er zu ernstlichen Hoffnungen Grund gab.
Es' lag ja gar nichts Unrechtes in einem so harmlosen Spiel! Wie glücklich machte es das schüchterne Pfarrtöchterlein, die zum erstenmal den Ball einer kleinen Stadt besuchte, daß er, der Löwe der Gesellschaft, sie zum Cotillou eugagirte, ihr die Touren der Francarse einübte und sie gar noch am Abend nach Haus begleitete! Wenn er am nächsten Sonntag den kleinen Ritt von zwei Stunden in das Pfarrdorf machte, so war das ja nur eine unschuldige Freude^ für das arme Kind, das so wenig Abwechslung hatte. Sie erröthete gar zu lieblich, als sie beim Heimweg aus der Kirche dem flotten Reiter für seinen Gruß dankte! Er mußte noch an einigen Sonntagen hinüber reiten und den alten Herrn, den Papa, auch kennen lernen. Pfarrhäuser sind gastfrei; da war's nicht schwer sich einzuführen, und es nahm sich allemal so nett aus, wenn Marie in freudiger Verlegenheit die einfache Bewirthung vorseßte. Länger als einen Monat ließen sich freilich die Pfarrhausbesuche nicht fortsetzen; der neuangekommene Justizrath hatte eine ganz hübsche Tochter, die dazu für gelehrt
galt; da brauchte es Zeit, diese neue Bekanntschaft zu cultivi- ren. Marie wird sich bald trösten, hat sie doch eine Weile die Freude gehabt! Daß die augenfälligen Besuche des jungen Herrn das Mädchen in Dorf und Umgegend in's Gerede gebracht, daß der etwas schüchterne junge Pfarrer, der sie sich gern zur Hausfrau geholt, sich zurückzog, nachdem er einmal den Referendar im Pfarrhaus getroffen, der alles that, um ihn in's Dunkel zu stellen, daß diese kurze Glanzperiode der armen Marie viel bittere Thränen, viel scharfen Spott und ein vereinsamtes Herz nachließ, das hatte Bergmann natürlich nicht beabsichtigt; warum ist das Mädchen so einfältig gewesen!
Die Eroberung der Justizrathstochter war schon etwas schwieriger; sie war ein gescheidtes Mädchen, nicht mehr zu jung und kannte etwas von der Welt. Er fing äußerst re- speetvoll an, verschaffte ihr die neuesten Schriften der Residenz, brachte ihr interessante Charaden zum Lösen, ließ sich englisch von ihr lehren und arrangirte dramatische Leseabende, wobei er ihr und sich die ersten Rollen zutheilte. Ein solcher geistiger Verkehr hat einen besondern Reiz für ein gescheidtes Mädchen in der hausbackenen Umgebung einer Landstadt. In die Länge natürlich konnte er den Spaß nicht treiben; er hatte noch nöthigeres zu thun, als englisch zu studiren und Gedichte auszuwählen. Daß Klara seine plötzliche Vernachlässigung mit herbem Schmerz empfand, mit all der bittern Täuschung eines stolzen Herzens, das sich nicht leichtsinnig hingegeben, das war ihre eigene Sache; er hatte ja nie ein Wort mit ihr von Liebe geredet, und war sie doch nicht viel jünger als er!
Die hübschen Töchter des reichen Schulzen in der Nähe waren schon einiger Ueberlegung werth. Eine reiche Partie wollte Bergmann jedenfalls machen, wenn er überhaupt an's Heirathen dachte. Bei diesen hatte er just kein schweres Spiel; die Eroberung war ein Geschäftchen für den Feierabend. Je lauter er an ihrem Fenster vorbeigaloppirte, je handgreiflichere Schmeicheleien er ihnen in's Gesicht sagte, je größere Stücke Biscuit und Apfelkuchen er ihnen bei Casinos und Bällen auswartete, desto wohlgefälliger lächelten sie. Da konnte ex
