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Der Wanderer

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

Kr. E

Freitag den 22. ^prtl

1853.

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Hagestolze

(Fortsetzung.)

So recht wollte cs aber da doch nicht vorwärts gehen. Gar zu oft summte der Heinrich eine Melodie vor sich hin oder probirte auf allerlei ueuerfuudenen Justrumenten unter dem Stehpult den Takt eines Marsches und trieb dergleichen Allotria mehr. Die väterliche Ohrfeige, die zu ihrer Zeit bei dem Papa so gute Wirkung gethan, vertrug sich nicht mehr recht mit dem Zeitgeist; somit beschloß der Vater, ihn ausis Comptoir eines Freundes in einer größeren Handelsstadt zu bringen; der werde ihn schon herdresstren.

Klavierstuuden wurden ihm noch ertheilt, da der Freund einen „billigen Menschen" aufgeftinde», der per Stunde einen Groschen verlangte. Aber die Berichte, die der neue Principal dem Vater sandte, lauteten leider nicht günstig. Zwar lebte der'Heinri'ch äußerst solid und eingezogen, den zu häufigen Theaterbesuch abgerechnet, zwar schrieb er seine Rechnungen und Briefe meist correct, aber kein Trieb, kein kaufmännischer Aufschwung, nichts Gewandtes, Freundliches, Gefälliges im Benehmen! Der Principal zweifelte, ob er je als Kaufmann reussiren werde. Dcr Vater wurde sehr ärgerlich, und da um diese Zeit der „billige Mensch" so frech wurde, drei Groschen für zwei Stunden zu verlangen, so schrieb er Heinrich, so flott thue man denn nicht für ein pures Vergnügen, er solle An­gesichts dieses die Musikstunden aufgebeu. Das brachte Heinrich nicht über's Herz; er setzte die Lcctioucn in seiner Freistunde fort und sparte sich den halben Groschen am Frühstück ab.

Ein liebenswürdiger Hausgenosse für die Familie des Principals war er nun allerdings nicht, mürrisch, in sich ge-

ssone« kehrt, unempfänglich für die Herablassung der Frau Princi-

"nzu- - palin, für die beginnende Liebenswürdigkeit der Töchter. Wer neistu ^fi^ wollte, ob auch noch Leben und Seele hinter diesem tischer Mustern Aeußern stecke, der mußte ihn beobachten im Concert h gè- ■ oder bei einer Operaufführung, für welche Genüsse cr den rsicht! letzten Heller Taschengeld opferte. Da mußte er ihn sitzen — — -sehen, stumm, unbeweglich, mit leuchtenden Augen, die die

• Seele der Musik einzusaugen schienen, oder daheim in stiller

Nacht, wenn er auf dem heiseren Klavier in seinem Stübchen sich mühte die Töne wieder zu finden, die ihn so entzückt. Und als es ihm endlich gelang, bei einem bedeutenden Künst­ler Zutritt zu erhalten, als er seine erste Composition, deren Regeln er mühselig aus alten musicalischen Werken über Generalbaß studirt, und die er ihm schüchtern überreicht hatte, unter dessen Hand in lebendigen Klängen wiedertönen hörte, da schüttelte der Künstlergeist in ihm die Schwingen und warf das drückende Joch des lästigen Tagewerks ab) da wuchs ihm der Muth, dem Vater {selbst zu erklären, daß er von nun an keinen Beruf mehr kenne als den des Tonkünstlers.

Der Vater war nicht von Eisen, und liebte den Frieden, aber dießmal gab's einen Sturm, der die Grundfesten des respeciabeln Hauses hätte erschüttert können und fast der gu­ten Mutter den LebenSfaden abriß. Heinrich blieb unbeweg­lich gegen alle Vorstellungen. „Höre, Bursche, du täuschest dich vollkommen, wenn du glaubst, ich fei so reich, daß du nach Pläsir der Kunst leben könnest; unser Vermögen ist eines, das mit Mühe erhalten und vermehrt werden muß, wenn es seinen Mann nähren soll." — „Wenn's nur reicht, daß ich mir die Kenntnisse erwerbe, die Grundlage meiner Kunst find. Nach Besitz frage ich nicht, die Kunst ist meine Zukunft." — „Aber, du dummer Gesell, siehst du denn nicht, was ein Künstler für eine Zukunft hat? denkst du nicht daran, daß du's dein Lebtag nicht so weit bringst, daß du auch nur ein Weib ernähren kannst?" — „Die Kunst ist meine Braut!" rief der junge Enthusiast mit leuchtenden Blicken, das ganze Frauengeschlecht wog in diesem Augenblick keine Feder schwer in seinen Augen. — „So sei's denn in Gottes Na­men! Lieg, wie du dir bettest!"

Es war ein Haus des Friedens, das respectable Vater­haus des Heinrich, und der Mißlaut tönte nicht lange darin, fort. Die Mutter befahl in der Stille ihren Sohn dem Herrn und baute auf sein treu Gemüth, die Schwestern ohne­hin waren glücklich, daß sie nun einen wirklichen Künstler zum Bruder haben sollten und die Brüder boten freundlich und neidlos die Hand, um ihm jeden Vorschub auf seiner neuen Bahn zu thun. Den Vater gemahnte es recht weh-