Der Wanderer - -
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
t)o. Montag den 18 April yss».
Hagestolze.
(Fortsetzung.)
Als der Christian, der bereits das Schwabenalter passirt, e zu Grabe geleitet und wie ein guter Sohn treulich be- eint hatte, da begann er recht ernstlich ans Heirathen zu enken. Aus der Verlassenschaft der Mama suchte er ein rachtvollcs karmoisinrothes Tafftkleid mit allem Zubehör und mn köstlichen Perlenschmuck hervor. Das legte er in eine ksondere Kommode für den wichtigen Zeitpunkt, wo er seine frkorene heimführen würde, der diese Schätze bestimmt wa- m. — Die Magd seiner Mutter fand zu dem ansehnlichen egat, das ihr geworden alsbald ein theiluehmendes Herz ad heirathete. Der Christian wollte keine andere Dienerin chmen; eine junge könnte dem guten Ruf eines heiraths- sstigen jungen Mannes schaden, eine alte würde sich schwer i eine junge Herrin schicken. Er speiste zuerst im Gastes, 'versuchte sich nachher selbst in der edlen Kochkunst und ^ann seine Augen auf die Töchter des Landes zu richten. âDas ist aber keine leichte Sache, wenn man vierzig ahr gewöhnt war, durch die Brille sseiner Mama zu sehen, nd wo er endlich glaubte etwas Taugliches erblickt zu chen, da trat sicherlich eine der Ausstellungen der Mama in m Weg.
Gegenüber wohnte ein gesetztes Frauenzimmer, die Tochter nes Arztes, eines Wittwers; das war ja wiebestellt für ihn, r keiner Wittwe Tochter und keine Waise nehmen sollte und r den zwei Schwiegereltern auch mißlich waren. Er stäubte ls karmoisinrothe Tafftkleid aus und holte den Perlcnschmnck rvor, verfertigte auch eigenhändig Zimmtsterne zum Ber- bungsmahl. An dem folgenden - Morgen wollte er den gro« n Coup wagen und hatte ein nagelneues Zopfband bereit legt.
Am folgenden Morgen aber bemerkte man große Be- egung drüben. Sollten sie schon eine Ahnung von Herrn Hristians Absichten haben? Ach nein, als er eben in vollem rnat die Treppe hinabsteigen wollte, rief ihm seine Haus- irthin zu: „Haben Sie's auch schon gehört, Herr Doctor
— mit des Doctors drüben?" — „Und was?" — „Ei, des Doctors durchgegangener Bruder ist in Surinam drinn gestorben, wo ;er ein paar hundert schwarze „Gschlafen" gehabt und eine Last Geld erworben hat, und der Doctor erbt hunderttausend Gulden. Da gibt Jungser Karoline eine Partie! Nur die zwei Kinder, und der Sohn zehrt erst noch aus!"
Herr Christian stieg seine Treppe wieder hinauf, zog seine Staatstracht aus und schloß Schmuck und Tafftkleid wieder ein. Hunderttausend? das war zu reich! Und auch als die Erbschaft später auf zwanzigtausend zusammenschmolz, erschien Jungfer Karoline in solcher Pracht und Herrlichkeit, daß sie am Ende das Karmoisinrothe gar nicht zu würdigen gewußt hätte.
Ein Herr Vetter Canzleirath kam mit vier Töchtern in die Stadt, wo Herr Christian wohnte, und er fand ohne Schwierigkeit Zutritt im Hause. Vier Töchter waren zwar schon ziemlich viel, doch batte die Mama ja nur vor sechsen gewarnt. Alter, Stand, Vermögen, alles war recht, es fehlte j nur am günstigen Zeitpunkt. Auch der sollte eintreten. Am j Fastnachtabend wurde Herr Christian nebst einigen Canzlest verwandten zu Fastnachtküchlein geladen; es ging ungemein heiter her und wurden zuletzt noch Pfänder gelöst. Herr Christian thaute ganz auf und sein Zopf, der schon begann eine Antiquität in der Welt zn werden, bewegte sich äußerst schalkhaft hin und her. Bei Gelegenheit der Pfänderlösung erfuhr er auch, daß Jette, die zweite der Töchter, eben das fünfundzwanzigste zurückgelegt. Das war ja just das rechte Alter! Er hatte, da er jetwas kurzsichtig war und die vier Schwestern sich ganz gleich kleideten, bis jetzt noch keine beim Namen gekannt; nun aber wurde er ganz kampfmuthig, und um doch herauszubringeu, welches die Rechte sei, bat er beim Abschied, als man ihm die Magd zum Heimleuchten anbot, Jungfer Jette möchte ihn nur die Treppe hinab begleiten, er finde dann den Heimweg allein. Jette, eine ansehnliche Gestalt, erhob sich und schritt mit dem kupfernen Leuchter voraus die Treppe hinab) im Hinuntersteigen stüdirte Christian seine 1 Rede aus, und in der untern Flur blieb -er plötzlich der Er-
