Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
f. 87.
Donnerstag den 14. Sprit
/m
Das große und das Kieme Loos.
Ein Lebensbild, von Ferdinand Kürnberger.
sFortsetzung.)
Als Clemens wieder erwachte, war ihm Alles fabelhaft: das Wisperthal, der alte Winzer, Aennchen vom Rhein- l, die Naturbande zwischen Beiden, sein Begegniß mit ih- i, vor Allem aber seine leidenschaftlichen Sorgen der Nacht, ichtblütig sagt er jetzt: „Das wird sich finden." Dagegen cwundertc er sich, daß ibm eine andere Frage nicht näher legen. Er hatte gestern nur an sich gedacht. Heute backte an sie. Wie wenn sie Brant wäre? Den Zustand ihres rzens galt's zuerst zu erkunden.
Eben wollte er ausgehen, ein Gespräch unter vier Augen t Aennchen zu suchen, da klopfte sein Wirth und lud ihn n Frühstück. Er vermißte das Mädchen dabei. „Die hat > versteckt", sagte der Hausvater, halb ärgerlich, halb land, „und fängt ganz aparte Grillen heut Morgen. Den- i Sie das Ungeschick! Gcnirt sich der närrische Pupp' sre Hemden trocken zu hängen. All das- übrige Leinzeug, r -die Hemden nicht! Es schicke sich nicht vor dem frcm- a Herrn, sagt sie. Warum? sag' ich; sind sie dir nicht n genug? sind sie nicht gut erhalten? sind sie nicht schnec- üthen-weiß? was fehlt den Hemden? Aber der kleine 6b uftnii schüttelt den Kopf und bleibt dabei; eS schicke sich ht vor Ihnen. Geht das nicht über die Hutschnur?" — einens war Aug' und Ohr über diese Mittheilung. Er berste selbst einen Augenblick, ihren Sinn zu errathen. Nie r ihm ein schönerer Zug weiblicher Zartheit vorgekommen.
gab es natürlich auf, den schlichten Landmann das Ge- muiß zu lehren — von der Unschuld der Phantasie.
.Desto mehr aber beeilte er sein Frühstück; Alles drängte t nach ihr. Lage, Schönheit, Verhältnisse und Eigenthüm- steit des Orts, der ihn beherbergte, nnd der jetzt im pram ^sten Tageslichte vor ihm zur Schau stand, blieb rechts d links unbeachtet liegen: sein Blick war zu voll von dem Wen Ziele, wonach er diese Räume durchirrte. Endlich
er die Geliebte bei ihren jungen Maulbeerbäumen hinter {
dem Gehöfte. Nicht ohne ein mit Ehrfurcht gepaartes Lächeln konnte er ihr vor die Augen treten. Von Herzgewinnender Freundlichkeit war ihr Gruß, doch eine holde Scheu ließ ihn nicht vertraulich sein. — Clemens begann seine diplomatische Mission. Nie wurde eine Absicht einfacher erreicht. „Ach ja", sagte das Mädchen unbefangen, „es geht ein Guckuck nach mir. Vorigen Sonntag sprach mit Vater. Heute will er wieder kommen." — „Ein Guckuck?" fragte Clemens zweifelnd zwischen Ernst und Scherz. „Was für eine Gattung von Freiern ist das?" Aennchen fuhr lachend fort: „Haben Sie nie gehört davon? Ein Guckuck ist ein Bauer vom innern Lande. Wir am Rhein außen heißen die Rheinschnacken; dagegen nennen wir sie drinnen, wo Wald steht oder gestanden hat — Guckuck. Die Rheinschnacke ist weit ein edlers Ding als der Guckuck — denn sagen Sie, was kommt der Nebe gleich?" — „Nichts auf Erden", betheuerte Clemens; „aber wenn der Guckuck ein reicher Mann ist? Dein Guckuck z. B." — „Ja, der ist Heidenreich! Auf seinen Kleefeldern gewinnt er Feuersteine für die Tabakraucher; mit seinem Vieh hält er's so: er kauft es fett ein, und verkauft es mager wieder; seine Koruäcker bringen Disteln im Ueberfl^lß hervor, — der Mann könnte die beste Eselzucht weit und breit aufweisen, wenn er seinen Vortheil verstünd'." — Unser Freund war entzückt von dem kecken Humor seiner Schönen. „Besitzt er denn kein Stückchen Rebland, um Deiner würdiger zu sein?" „Ja, ein Paar Ruthen — womit er seinen Trinkern die Ruthe gibt. Ich glaube, Gott hat's am Sonntag früh erschaffen, da er schon ausruhen wollte." -r- Das muthwillige Kind schien heute in der Laune, seinen Witz leuchten zu lassen. Aber es stand ihm allerliebst. Clemens glaubte, es in seinem glücklichsten Momente zu sehen. Doch wußte er wohl, daß solcher Spott im Grunde gar nicht gegen den Geopferten spricht. Es ist ein harmloser Ausdruck, der der ländlichen Racen-Rivalität, nichts weiter. Er fragte daher jetzt geradezu: „Und hat Dein Freier auf Erhörung zu hoffen?" — Da war auf einmal der Schelm von dem Mädchen gewichen. Sie wurde ernsthaft, änderte den Ton und antwortete zögernd: „Der Vater sagt: Sie wären
