Wer Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitnng.
fr. 82.
Freitag den S. 3pnl
185.3.
Jas große und das kleine Loos.
Ein Lebensbild, von Ferdinand Nürnberger.
(Fortsetzung.)
So lag er den Sommer über in seinem Wurtenhaus und urch dasselbe Glas, mit dem er ein Jahr zuvor ästhetische chpen der Menschenform im Alsterbade studirt hatte, überwachte er jetzt die Steinfuhren, die an der öden Linie seines wrizontö in langen Zügen auf und ab krochen und sein Geld ns Meer schütteten. Ueber dieser Scenerie feierte er den weiten Jahrestag seines großen Looses. Er gab seinen Haus- Gossen ein kräftiges Dithmarscher-Mahl mit ausreichenden laschen Portwein; sein Freund Bernold, der diesmal von er Stadt nicht abkommen konnte, vertrat sich mit einigen lMwünscheuden und aufmnnterndcn Zeilen, und Clemens md Muth genug in sich, der Zukunft eben so fest ins Auge l blicken, als er auf jenes Ereigniß der Vergangenheit noch linier dankbar zurücksah.
MAber dieser Tag war die letzte Blume an einem Abgrund. )ie tüchtigste Kraft des Geistes lebt nicht allein im Menschen, e ruht auf dem Körper, wie auf einer Säule. Und Cle- lens sah die feine, züngelnde Schlange nicht, die ans dem chden, aus der Luft, aus dem Wasser sich endlos aufrollend m enger und enger umringelte, und ihren Zahn an seine Wurzel legte. Er sah sie nicht, diese listige, giftige Feindin, xr endlich fühlte er sie. Seine Gesundheit wankte. Eine stendc Beklemmung hemmte den freien Athem der Brust, echender Schmerz in den Hüften erschütterte den festen Gang, w Scksta f floh ihn, die Eßlust verschwand,'Ohnmacht und lei nmnlh drückte seine Seele zu Boden. Der Kranke hielt Ws Uebel erst für eine unrühmliche Geburt ihres Gemüthes, gleichsam hinter seinem Rücken sich ängstigte, und rang & so mehr nach männlicher Standhaftigkeit. Aber die mora- ichc Kraft feilte mcht. Er mußte sich überzeugen, daß er ^Leiblichen sieche und rief den Arzt. Doch möcht er auch tzt, ein yeinb gekünsteter Heilmittel, sich nur der einfachsten
mäßigsten Rathschläge bedienen. Er verbesserte sein, nukwasser mit Wein, bekleidete sich sorgfältiger gegen Wind '
und Wetter und machte sich Bewewegung. Es half wenig Noch weniger wirkte der gesellige Umgang mit Menschen, womit Clemens die Oede seiner Einsamkeit beleben sollte. Vielmehr verdüsterte er ihn. Ach, die Menschen waren ja selbst Kinder dieser Oede, ernst, verschlossen, arm an lieblichem Wort, nur gegen Feindliches aufmerksam, ewige Hochwacht stehend wider Meerflnthen und Weststürme, die tausendjährige Verneinung ihrer Existenz. „Friesland singt nicht" sagt ein altes Wort, und Friesland dichtet, wie Andre das Leben, nur den Tod. Clemens vernahm in allen Sagen dieses Volkes den Untergang von Land und Menschen, und nichts als dieses. Dort liegt eine volkreiche Insel am Meeresgrunde und noch läuten ihre Glocken zu den Festtagen der Oberwelt; — dort, wo die Seerobben neugierig das segelnde Schiff umschwärmen, wachte die Mutter einst an der Wiege des Kindes; dort, wo die Austernbank unter bläulicher Woge verhüllt liegt, flötete und fiedelte die Hochzeit in lustiger Schenke. Jenes Mütterchen sitzt seit hundert Jahren am Strande und erwartet aus Indien den ertrunkenen Sohn; dieser Lootse hat um Strandgut einen Mord begangen, und ewig wächst ihm die blutige Hand aus dem Sande. Zu solchen Mähren der Seebewohner heulte, als Zeuge, der West- sturm, die Fluth rasselte knirschend heran, eine Düne stäubte am,fernen Horizont, ein wandernder Entenzug rollte sich auf, wie eine schwarze Ranchlinie, entlegene Inseln hingen als Luftspiegelung unheimlich am Himmel. Das waren die landschaftlichen Bilder, die hier mit stetiger Gegenwart sich vor die Sinne bannten. Immer tiefer verfiel Clemens dem Fluche der fremden Naturmacht. Der Herbst kam ins Land; zwar entlaubte er keinen Baum hier, — der Weststurm duldet keinen, — aber reißend schnell zerpflückte er die Kräfte des Leidenden. Mark und Gebein versagten ihm den Dienst, sein Fuß trug ihn nicht mehr. —
„Das ist das Marschfieber", sagte endlich der Arzt. „Wenig vermag hier die Kunst; aber zahlreich sind die Erfahrungen, daß der Kranke fast augenblicklich geneset, so wie er das Geestland erreicht. Sie müssen fort". — „Nimmermehr" ! entgegnete Clemens und blieb. Er war fest entschlossen, mit
