Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
ir. SO.
Mittwoch den 6. April
1S53.
Vas große und das kleine Loos.
. Ein Lebensbild, von Fervinand Kürnberger.
sFortsetzung.)
Aber bald spürte Clemens den Zahn des Zweifels in sei- em Gewissen, ob dieses ewig Rechte wirklich der Inhalt fei* es gegenwärtigen Lebens sei. Wie hätte auch eine gesunde, agendliche Natur über den ersten Reiz der Neuheit hinaus II der Verführung dieser Muße befangen bleiben können? Der Jahrestag seines Glückes kam zurück, und wenn Clemens chne Reue an die verschwendete eine .Hälfte seines Gutes lenken mochte, so betrachtete er nicht mit gleicher Nachsicht ie Verschwendung seines Lebens, wozu die gerettete andere Hälfte ihn einlud. Das väterliche Landleben war sein Ideal: der heute besaß er Land und wohnte in der Stadt. Nicht r arbeitete, die thierische Verdauung arbeitete für ihn : wie eschämte ihn diese Basis seines Lebens! So sollte cs nicht Meint sein. Das lag weder in seiner Neigung, noch Abicht; er fühlte, daß das nicht seine eigene Form sei, sondern aß er sich nach einem fremden Begriffe hatte fashioniren lasen — zum Rentier. Aber nahm auch seine Umgebung, die öffentliche Meinung, der Staat kein Arges an dieser Lebens- orm, so ward ihm doch deutlich, daß der Codex der Gesell- chaft noch lange nicht das Ganze der menschlichen Moral rschöpfte; mindestens er konnte nicht jene Unbefangenheit ge- vinnen, die getrost das Unsittliche, als das blos Ün-Polizei- iche sich genügen läßt. Oder welche Macht verhängte über in Leben voll wirklicher Unschuld jene malernden Strafen >er Langweile, des Spleens, der innerlichen Verödung und llerzweiflung? Clemens ahnte etwas von der furchtbaren Aewalt dieser unsichtbaren Sittenpolizei. Er nahm zu den Studien seine Zuflucht. Zur Zeit, als er noch gefesselt im Schladen stand, war er ein eifriger Pfleger wissenschaftlicher Hetäre, und brachte ihr die ungewöhnlichsten Opfer seiner Bequemlichkeit. Er hielt es für Pflicht, daß jeder Kaufmann ich die möglichste Waarenkunde seines Faches erwerbe, und onnte sich nie darein finden, daß es im Buchhandel allein ein Abkommen davon habe. Was ihn betraf, so oblag er *
einer reichen und gründlichen Autodidaktik, und er fühlte sich glücklich dabei. Aber mit steigender Angst nahm er wahr, daß auch dieses Gefühl des Glückes sich nicht mehr einstellen wolle. Was konnte er denn mehr thun? Ein Rentier, der studirt; Pflegt das nicht vollends zu rechtfertigen in den Augen jedes Gebildeten? Wer ihn so liegen sah am einsamen Seegestade seines Fontenay, in ein wissenschaftliches Werk vertieft, einen Aufsatz, eine Berechnung ausarbeitend, hätte er nicht sofort mit Ekstase ausgerufen: Ein Tusculum! ein Tibur!? Ja, die „Gebildeten" haben so ihre Schlagwörter, von denen sie regiert werden, wie von andern Vorur- thcilen! Sie glauben selbst zu denken und am Ende denkt so gut die liebe Tradition für sie, die Schulsitte, wie für den Bauer die Volkssitte. Und kurz — Clemens lernte einsehen, daß die Bildung, die sich selbst bildet, die vereinsamte Cultur des eigenen Ichs, ohne handelnde Rückwirkung auf das lebendige Ganze, nicht werthvoller sei, als irgend ein müßiger Zeitvertreib; er begriff, daß es noch nicht Humanität heiße, in der schneeweißen Draperie des Pythagoräers geradeswegs zum vornehmen Himmel der Geistesaristokratie aufzufliegenZ er Lam ÄbLLhaupt dahinter , daß diese Geistesaristokratie noch lauge nicht jenes unschuldige, rein menschliche Ding sei, wofür sie gewöhnlich gilt, sondern daß sie so gut ihren Hintergedanken von Stolz und Egoismus habe, wie jedes andere. Dieses Gefühl verleidete ihm denn auch die Bücher, die Genüsse der sogenannten „Kunst und Wissenschaft."
Nicht bessern Ersatz fand Clemens in dem gesellschaftlichen Leben. Hier schien ihm das Schicksal selbst jenes Band zu verkümmern, das ihn zuerst und zunächst an diese Gegenden geknüpft hatte, — Bernold's Haus. „Ja, so wunderbar fügt sich's oft," sagte einst Bernold der Vater über das Verhältniß der beiden Freunde. „Sie haben sich in Wien kennen gelernt, und es war weit entfernt meine Absicht, meinen Sohn dahin zu schicken. Er sollte blos in Berlin und Frankfurt ein paar Jahre conditioniren, um das Hinterland kennen zu fernen, — mit Wien haben wir wenig Verbindung. In Berlin aber ließ es ihm weder Rast noch Ruh, der Ruf der lebenslustigen Kaiserstadt verdrehte ihm ganz und gar den
