Einzelbild herunterladen
 

Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

r> 77, SamKi^g den 2. ^pei! F«s».

Sin Knopf im Äüngeldeutet.

Von Karl Gutzkow.

(Fortsetzung.)

Was sollte dieser Knopf?

Dieser Eindringling von einem Knopf war nidft einmal, hier Gattung nach, von Zinn. . . etwa einer von der Sorte it fünf durchbrochenen Löchern . . ., sondern es war ein in; gewöhnlich hölzerner, wenn auch besponneuer Knopf, an .-in sogar noch die Fädchen hingen, wie wenn diese soeben ck von irgend einem respectiven Rock oder sonstigen Klei- nngsstücke abgelassen hätten. Und ein neuer Rock konnte ieser Rock gleichfalls nicht gewesen sein: denn es lag,schon nes bekannte „verschönernde Grün der Jahrhunderte", jener ewisse glänzende Hauch der Abnutzung auf dem Gespinnste. !urz, schon das äußere Ansehen gab dem Knopfe hier unter­en Münzen in der That eine traurige Stellung. Dieser vecklose, überflüssige, nichtssagende Knopf hier unter den für cd selber sprechenden Pfennigen, Dreiern, Sechsern, Groschen, lier- und Acktgroschenstücken! Die Aufregung der Münzen mr gerecht. Offenbar hatten sie an dem Knopf einen allge- | aeincu Feind, eine unwürdige, empörende Nachbarschaft und ebenfalls einen Verrath am Klingelbeutel — und alle wit- erten sogleich — Tendenz.

Ja, fingen zuerst mehrere Groschen an, cs ist doch intern wrl, wie weil die Unkirchlichkeit der Zeit geht! In diesem Klingelbeutel, den ein uralter heiliger Brauch trotz aller Pro- este der Cultusreformer mitten in der Predigt von Herzen u Herzen wandern läßt und in den jede Seele, die noch ur Kirche hält, ein Scherflein der Liebe steuert und opfert, kn solch abscheulicher Betrug! Ein Knopf im Klingelbeutel! Untergang des frommen Glaubens! Täuschung der gläu- 'igen Hoffnung! Wo steht unsere Zeit! Was soll aus einer Welt werden, die so verwildert die Kirche mitten in ihrem Frieden, die Gläubigen mitten in ihrer Andacht verletzt! Hin- veg aus unsern Reihen! Hebe dich von uns, du gesponnener, Zweckloser, antikirchlicher Uebelthäter!

Ich hoffe, lieber Leser, die Geschichte meines Knopfs in-

teressirt dich. Aber du möchtest igeru wissen, worauf hinaus? Bekommen wir eine Geschichte zu lesen? Oder ein Märchen? Ein Sinnbild vielleicht? Vielleicht von allen Dreien Etwas? Höre nur zu!

Dem Knopf mußte angst und bange werden. Er fühlte, daß er seinem Werthe nach allerdings hier über manchem veralteten Pfennige einst gestanden hatte und vielleicht bei freundlicher Taxation irgend einer guten Schneiderseele noch jetzt über jedem Pfennige stehen konnte; aber für den Klingel- beutel war es allerdings mehr als Null. Denn unter Null ist ja alles Das, was einem bestimmen Zwecke 'gegenüber DaS nicht ist, was dieser Zweck voraussetzt. Was ist Holz, wo Eisen nöthig ist? Was schöne Diction in einem Drama, wo man Handlung verlangt? Und nun gar der Ruf: Tendenz! Tendenz! Einer Tendenz war sich dieser Knopf am aller­wenigsten bewußt.

Um den armen Eindringling war cs geschehen. Schon hatten die gewichtigen Münzen den kleinern Muth gegeben — denn es ist merkwürdig, was der Vorgang der größern Neun- werthe bei den kleinern Potenzen immer für Courage und dann auch gleich Fanatismus erzeugt —, schon schleppten Dreier und Pfennige im Geiste Scheiterhaufen für den armen Knopf, der den regelrechten Gottesdienst betrog, zusammen, als plötzlich ein eigenthümliches Klingen unter den Dreiern ertönte. Es war ein ganz wunderbarer Klang, wie eine Me­lodie unter heiferm Gekrächz, wie ein Saiten ton unter dem Scharren von Stühlen oder . Kritzeln von Schiefertafeln , wie eine schöne Teuorstimme unter ungeschulten Sängern, die uns irgendwo von vorüberziehenden Handwerksburschen im Walde überrascht. Es war aber nur ein Moment, daß es so präch- tich klang. Alles schwieg eine Weite. Da der Klang nicht wieder ertönte, fand eine Stimme, sie kam von einem Fünf- pfennigcr, der sich einen Sechser nannte, Zeit, Folgendes zu erzählen, was aus unserer Geschichte sogleich die Vermuthung, sie hätte eine Tendenz (die Tendeuzpoesie ist ja verrufen) entfernen wird und aus ihr eine kleine harmlose Anekdote macht.

Ich weiß den Urheber des Frevels, sagte der Sechser.