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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

fr. 76.

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Ein Knopf im Klingelbeutel.

Von Karl Gutzkow.

Der alte, greise Küster zur Heiligen Dreifaltigkeit hatte en schwarzsammetnen, mit goldenen Palmen gestickten Seckel ar angestrengt und keuchend durch den dichtgefüllten Gottes- mpel wandern lassen und immer schwerer und schwerer wurde rs Uebergewicht an dem obern Ende des langen schwarzen -ticls, den des braven Mannes weiche, wohlgepflegte, heute der schon ganz kirschroth gewordene Hand durch die offenen länke und geschlossenen Zellen, durch die vermietheteu Stühle nd durch die Reiben derjenigen Andächtigen, die nur stehen muten, mit manchem unterdrückten oder durch gewohnte De- mth doch sehr gemilderten Zornesseufzer bis in die obersten chorwinkel dirigirte. Der Herr Pastor Primarius zur Heili- m Dreifaltigkeit, des wandernden Glöckleins mitten imCon- xte schon gewollt, hatte sich nicht irremachen lassen in sci- eiu erhabenen Feuer und predigte gar gewaltiglich und Bibel = ark über das Evangelium als ein bescheiden Senfkorn. Es ar April und die Osterzeit. Draußen jubelte hier und da hon eine Lerche. Es ging auf die allgemeine Auferstehung er Natur. Und läßt sich auch das gerade aus einem ver- oßenen und unterdrückten, von der ganzen classischen Pracht nd Herrlichkeit der Alten Welt völlig unbeuchtet gelassenen iolke einst gekommene Evangelium irgend einem Bilde tref- nder vergleichen als einem aus lang versteckt gebliebener Wintersaat ausbrechenden grünen und mächtig sich entfallenden Sachsthume des Kleinsten?

Meister Marcus, der Küster, hätte seine gesegnete Klingel- mteleriste nun eigentlich dicht vor der Sacristei an einen jegel hängen und sie erst dann ausschütten sollen, wenn Sr. vchwürden der Herr Pastor Primarius die volle, aus dem senfkorne aufgegangene Saat der Herrlichkeit Gottes zu Ende -schildert, das Vaterunser gebetet, die glücklichen Osterbraut- tare des ersten, zweiten und dritten Aufgebots proclamirt, mn für den Landesherrn, die Landesmutter und des Landes Gütliche Räthe und Konsistorien gebetet und das Ganze . lit dem heißerflehten üblichen Segen Gottes um Alle gern- j

det hätte. Indessen war die Ernte des Klingelbeutels bei diesem beliebten Prediger immer so groß und so schwer, daß die Sortirung der eingegangenen Münzen ein höchst langwie­riges Wechselgeschäft und die sofortige Uebergabe des vor­waltenden Kupfers an eine benachbarte Spezereikrämerin, die seit Jahren diese frommen Bankgeschäfte der Kirche in der Sacristei selbst besorgte, ein zu weitläufiges Disconto veran­laßt hätte. Meister Marcus genoß daher vom hohen Pres- byterio des alten Gottestempels der Heiligen Dreifaltigkeit schon seit lange das Vertrauen, den Klingelbeutel während der Predigt in besagter Sacristei in Gottes und seiner Ehr­lichkeit Namen selbst entleeren, die Münzen je nach Gehalt und Bedeutung auf einen Platz in Rollen auffchichten und vom gerade an jedem betreffenden Sonntag fungirenden Geistlichen dann nur eine einfache Besckeinigund der nunmehr vorhandenen neuen Fonds der Kirche fordern und eutgegennehmen zu dürfen. Hatte Meister Marcus dies Geschäft in gewohnter lauschi­ger Stille der mit grünen Fenstervorhängen gar gemüthlich beschatteten, rings von alten, zwar sehr wurmstichigen, aber immer noch nothdürftig erkennbaren ehrwürdigen vorhinnigen Superintendenten und Pastores Primarii dieser Kirche ge­schmückten Sacristei zu Ende gebracht, so setzte sich der treue Pfleger seines Amtes, ein etwas dicker und wie man sagte nicht recht glücklicher und nie besonders heiterer Mann, in einen weichen großen ledernen Sessel, der, zum „Urväter- Hausrath" gehörend, ohne Zweifel einst schwarz gefärbt gewe­sen war, aber nunmehr schon' manches Jahr seine ursprüng­liche Farbe, die gelbe, hin und wieder auch schon mit einem bei Tapezierarbeiten sogar erfreulichen Bekenntniß die ächte Füllung mit Roßhaaren hervorschimmern ließ. Meister Mar­ens stärkte sich so von seiner Erschöpfung immer bis zu dem Augenblicke, wo sein Ohr ein gewisses Summen vernahm, das ihn schlichen lassen mußte, die Orgel beginne die Fuge und begleite, mit oft prächtigen Tonschwingungen, den Aus­gang der Gemeinde. Die an den Kirchthüren dann in gel­ben Becken wiederum in Empfang genommenen anderweitigen Spenden der Mildthätigkeit gehörten einer andern frommen Finanzcontrole an, nämlich dem Armenwesen des Kirchspiels.