Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Vr. 74. Mittwoch den 29 März /ss».
Das große und das kleine Loos.
Ein Lebensbild, von Ferdinand Kürnberger.
sFortsetzung.)
„Da wäre es eigentlich," sagte Clemens gedankenvoll, ,das Vernünftigste gewesen, Sie hätten das große Loos gc- rönnen, nicht ich. O diese Großbürger!" fügte er bitter flnzu. „Wenn Sie vom Tonkünstler eine Dedication anneh- men, beim Maler ein Cabinetsstückchen bestellen, dem Dichter einen thé liléraire geben, dann schmeicheln sic sich, sie haben die Mission des Capitals dem Talente gegenüber erfüllt. Sönnet der Kunst wollen sie heißen, so gut wie der alte Adel, in dessen Bedeutung sie mehr und mehr eintreten. Ich zeb' auch zu, daß ihr Capita! arbeiten muß, wie es bürgerlich st, und nicht so generös sich verschwenden läßt, wie es adelig ist- Aber arbeitet der Künstler nicht? Ist seine Arbeit nicht die Blüthe und der geistige Begriff ihrer Civilisation, — so recht ihre eigene bürgerliche Standesehre? Warum hat der Staatsdiener, der Geschäftsmann, und wenn er's nur auf ein paar hundert Gulden jährlich bringt, so namenlosen Credit als Freier ihrer Töchter, und der Künstler, der's am Ende auch so hoch bringt, gar keinen? Unsicherer Erwerb! sagen sie. Ei, wird er nicht eben deswegen unsicher, weil der Künstler ohne Capital arbeitet, weil die Kunst nach Brod gehen muß und gerade dadurch einen guten Theil ihrer Preiswürdigkeit gefährdet? Stellt ihn auf die feste Basis eines Capitals, erlöst ihn von der zudringlichen Schmeißfliege des Bedürfnisses, kurz — verhelft ihm zu der reineren Möglichkeit seiner selbst und seht zu ob sein Product, das schon jetzt fo ansehnlich dasteht, nicht mindestens eben so rentabel wird, wenn ja doch schon gerechnet sein soll, als eure ewigen Pfcf- fersäcke und Schreibstubenämter! — Verzeihen Sie, meine Herren, ich bin abgeschweift. Ich zähle wahrlich nicht — dem Himmel sei Dank — zu jenen verbildeten Schwärmern, denen das Schicksal einer Idee näher geht, als einer Person. Aber man wird immer von Neuem warm darüber. Ihre Person vergeh ich wahrhaftig nicht, lieber Freund, sie ist natürlich
die Hauptsache hier. Könnt' ich etwas thun! Leider seh' ich, daß ich in diesem Falle nur ein Bettler bin. Indeß, aus dem Wenigen viel zu machen, reizt just das Nachdenken. Und warum sollen wir stupid genug sein, die paar tausend Gulden, die ich daran wenden kann, nicht mit möglichstem Effect zu nützen? z. B. unser literarischer Freund hier schickt in alle Blätter die Ente aus, Sie hätten ein paar hochvornehme Bestellungen vom Ausland erhalten. Ausland! Das ist schon ein Zauber. In der That refusiren Sie alles kleine Portraitgeflügel, und fangen, auf meine Kosten versteht sich, einige große Werke an. Noch mehr! Sie brauchen Ruhe zu diesen Arbeiten, noble Ruhe natürlich, und miethen eine imposante Etage in dem Frankfurter Westend; in der neuen Mainzer Straße, oder an der Bockenheimer Chaussee. Das ist wieder ein Zauber. Stechen wir dabei einen Gesandten oder Residenten aus — um so besser! Und sagen Sie: ließe sich solch ein Gesandter oder Resident, für Geld und gute Worte nicht gewinnen, daß Sie einen Ruf an seinen Hof erhielten? Meinethalben retouchiren Sie eine alte TapëkeNwrt^- — es ist ein Ruf an einen Hof! Das ist der dritte Zauber und der stärkste, will ich hoffen, so lang wir Deutsche nicht ganz aus der Art schlagen. Brechen alle Ruder — dann freilich — nun! dann liegt hinter jedem Versuche noch immer ein weiterer. Die Perspective solcher Romane ist unendlich und wo die Welt mit Brettern vernagelt scheint, da tritt erst die Strickleiter in ihr legitimes Recht, die Entführung und Gretna- Green. — Genug, wir kennen jetzt den Stoff, der uns bis auf den Melibocus zu denken gibt. — Treten Sie aus, meine Herren, wenn's beliebt".
So schaltete Clemens mit dem großen Loose am ersten Tage seines Glückes. Und doch standen ihm diese Menschen im Grunde ganz ferne. Nur Bernold, der Sohn eines Kaufmanns, oder vielmehr Mäklers aus Hamburg, welcher vor einigen Jahren in Wien conditionirt hatte, war dort mit Clemens bekannter geworden. Er vermittelte auch dessen Ruf nach Frankfurt und hier lernte Clemens jene Freunde als Bernold's Umgang kennen, wie man sich eben kennen lernt im täglichen Leben. Aber das war ihm genug. Kann man
