Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
ir. 73.
Dienstag den 28. März
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Das graste und das kleine Laas.
Ein Lebensbild, von Ferdinand Nürnberger.
(Fortsetzung.)
„Wenn Sie nur keine tiefere Wunde davon getragen," emerkte der Literat, um sein Thema nicht lange unberührt i lassen. „Was macht Ihre Flamme von gestern?" Clc- lens sah den Sprecher überrascht an; das Mädchen war ihm icht wieder eingefallen. „Daß man so veränderlich ist!" gab r mit Clavigo's Seufzer zur Antwort. „Wenn man bestän- ig wäre, wollt' ich mich verwundern," sagte der Literat als farlos erwidernd. „Uebrigens lassen Sie sich das kein Haar stimmen. Der Probestein für die Echtheit unserer Wünsche t das Eintreten einer Lage, in der wir sie befriedigen könn- m. Dieses Haus möchtest du kaufen — jenes Mädchen mrdest du heirathen — sagt man sich wohl in einer Be- Hränktheit, die von Beiden weit entfernt ist. Fallen diesen Schranken, dann lautet's ganz anders. Der Steinhaufen 'ärc dir im Ernste dein halbes Lermögen werth ? — Das nudeslächcin könnte dir wirklich auf eine Lebensdauer gcnü- cn? Und hinaus in's Weite schweift's, ehe das Herz die fesseln der Nähe sich anletzt." — „Diese Reflexion ist so rau wie ein Novembcrabend, und um so verdrießlicher je wahrer sie ist," antwortete Clemens. — „Ich wäre schnell atschlossen," meinte der Provisor, „vor allem Andern eta- lirte ich eine großartige Buchhandlung." — „Das werd' ich leihen lassen," sagte Clemens. „Wer die Schäden des deut» hen Buchhandels kennt, der schmeichelt sich nicht, mit vereinter Kraft dagegen anzukämpfen. Weit glücklicher, dem al- u Schlendrian Valet sagen, als sich noch tiefer ciulassen mit mi. Ich bin ein Bauernkind, meine Herren, und eine ge- einie Vorliebe für das Landleben hab' ich wohl nie über- mnden. Ein frohes, erquickliches Gütchen, das wäre so mein Geschmack." — Da mußt du nothwendig mit mir nachHam- urg," sagte Bernold, der dort zu Hause war; „in Holstein der Mecklenburg findest du dein Ideal,. wie in keinem der rutschen Länder." — „Hm!" warf der Literat ein, „Sie j lüffeu doch wissen, um wie viel geringer die Bodenreitte, als j
die Haudelsrcntc ist. Uebcrhaupt spielt der Urproducent die mißlichste Rolle im modernen Wcltalter. Davon kann ich reden als Literat. Kein deutscher Schriftsteller ist je reich geworden durch sein Urprvduct, wohl aber manch deutscher Buchhändler ward es ^urch den Verlag. Denn das Capital, wohlorganisirt und solidarisch von Haus aus, überflügelt allenthalben die naturwüchsige Freiheit des Einzelnen. Natürlich ist cs z. B., daß ich über die Zeit berichte, wenn etwas vorgeht in der Zeit; Setzkasten und Presse sind meine Diener dazu. Aber das Verhältniß hat sich allmählig umgekehrt; meine Herren sind sic jetzt und zwingen mich, die Zeitung des Tages zu füllen, auch wenn die Zeit des Tages leer blieb. Leitende Gedanken muß ich haben, auch wenn sie in höheren Regionen still stünden; würzhafte Vanille muß das tropische Feuilleton treiben, auch wenn wir an den Nordpol verschlagen wären und das Renüthier selbst kein Moosspitzchen mehr ans dem Schnee kratzte. Eben so gehts in Büchern, Lexikon, Magazinen, Ucbcrsetzungcn, Texten und Bildwerken, deren Typen das Capital irgendwo erstanden hat u. dgl. Sic alle bestellen sich die Literatur, die sic wollen, nicht die der Literat will. Will ich einen Lorbeer pflanzen, so zwingt mich mein Grundherr, Kartoffel zu stecken. Grundherr aber ist der Kaufmann und der Producent sein Hintersasse, hier wie überall, in einem Falle wie in allen."
„Doch nur, wenn der Producent ohne Capital arbeitet", bemerkte Clemens. „Branch' ich meine Ernte nicht im Halm, meinen Wein nicht am Stock zu verkaufen, dann bleib ich auch Herr in meinem Hanse nud producire mit Lust, Freiheit und Gewinn. Das Nämliche gilt für Sie. Denn kurz, wenn der Engländer sagt: Zeit ist Geld — so kehren wir's nm: Geld ist Zeit. Haben wir Geld, dann haben wir auch Zeit, unser Product zu veredeln, im Leiblichen wie im Geistigen. DaS ist wohl auch dic Weisheit des Goetbe'schen Katers : Und wär ich bei Geld so wär ich bei Sinnen. Ich vermuthe, das edle Thier war ein proletarischer Journalist und sehnte sich herzlich, einen gediegenen fünfbändigen Roman zu schreiben. Wohlan, dazu kann Rath werden, mindestens für seine Descendenz, Ein paar tausend Gulden, denk ich,
