Her Wucherer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Sr. 71. Donnerstag den 24. März iss»
Das große und das kleine Loos.
Ein Lcbensbils, von Ferdina-nd Nürnberger.
lZortsctzung.)-
„Etwas Wahres liegt in Ihren Behauptungen," sagte Clemens," und das mag ich wohl gefühlt haben, als ich dem Sohne Abrahams sein Loos abnahm. Ich war, wie Sie wissen, mit freier Station nach Frankfurt gekommen, um ein Engagement in einer Buchhandlung ersten Ranges anzutreten. Die Sache zerschlug sich an unerwarteten Familienereiguissen und ein kleines Abstandsgeld trat an die Stelle geträumter Hoffnungen. Etwas übel gelaunt, kam ich in meinen Gasthof zurück, da trat der Versucher heran. Er prâsentirte mir ein ganzes Loos zur Ziehung der letzten Klasse. Eben das Gründliche an dieser Verschwendung reizte mich. Ich erinnerte mich, daß meine sonstige Solidität schon längst die Nemesis herausgefordert haben müsse, wollte ich mich auf einmal im Pauschale mit ihr abfinden, so schien der Augenblick günstig. Da warf ich dem Schicksalscolporteur meine Entschädigungssumme hin—es war fast das Ganze—und dachte nicht weiter daran. Blos Hr. Bernold, mein näherer Umgang wußte davon. Hat er weitere Theilnahme dafür erregt, so that er mehr, als ich selbst. Ich vergaß die Sache mehr und mehr. — Aber wo bleibt unser Souper ?"
„Oho!" rief der Provisor, „man hört, daß Sie kein Frankfurter sind. Unsere rcichsstädtische Gemächlichkeit überstürzt sich in Nichts. Und vollends unsere ländlichen Restaurateurs, wohl wissend, daß Ugolino erst am neunten Tage verhungerte, denken menschlich genug, uns schon am achten das Bestellte zu liefern." — „Es ist wohl auch nur die Sehnsucht nach seiner kleinen Odaliske," bemerkte Bernold. — „Sie irren mit Ihrer Erlaubniß ," warf der Literat ein, „in dem Augenblicke, wo unserm verehrten Freund ein Cali- fornien aus dem Loostopfe zufällt, wird er sein Herz für eine höhere Wahl sparen, als für- ein Schenkmädchen von Riederrad. Nehmen Sie Ihre Jnduction zurück." — „Mindestens," sagte Bernold, „wird ein Mann, welcher Sinn und , Gefühl für Familienleben hat,, nicht erst dem langsamen '
Schaden der Natur zusehen wollen, wenn er mit einem Sprung in die glückliche Lage kommt, das Fertige und Vollendete seinem Wunsche anzueignen." — „Wie alt mag das zarte Geschöpfchen sein," warf der Provisor die Frage hin.— „Vierzehn, höchstens fünfzehn," meinte der Literat achselzuckend, „ich glaube kaum, daß sie schon im Ovid orientirt ist. Was sagen Sie Doctor? Habt Ihr Herren von der Diagnose nicht auch hier." ^ „Da leuchtet der Taunus wieder wie eine blaue Perlenschnur," rief Clemens, in diesen Gang des Gespräches abspringend, dazwischen und nahm eine hingebende Stellung zu dem schönen Bilde. „Man kann doch nichts Edleres sehen, als den sanften Schwung dieser Höhenlinie; Amor, der Landschaftsmaler, hätte mit seinem ästhetischen Finger die Contur nicht glücklicher entworfen!" — „Das muß wahr sein," bestätigte lebhaft der Doctor, „alte Maler sagen das Nämliche, wenn auch nicht so schön und schwärmerisch wie Sie."— „Amor spielt nun einmal den Principal seiner Phantasie in dieser Stunde," bemerkte der Literat neckend; er hätte gerne die Unterhaltung auf den vorigen Punkt zurückgeführt. Aber der angeregte Heimathèstolz der Genossen war stärker und der Provisor setzte hinzu: „In der Morgenstunde sollen Sie ihn erst sehen, wenn die gegenüberstehende Sonne dircct auf die ganze Berglehne fällt, wenn Königstein, Falkenstein, Eppstein, Kronberg und all die verwitterten Burgen und modernen Badanlagen ihre deutlichste Räumlichkeit zeigen und jedes Hüttchen und jeder Baum genau unterschieden wird." — „Ich zweifle," entgegnete Clemens dem prosaischen Realisten, „daß diese Partien an Zauber gewinnen durch eine solche Beleuchtung. Meinem Gefühle sagt der gegenwärtige Effect besser zu, wo das ganze Gebirge unter der Sonne liegt. Sehen Sie einmal hin! Der westliche Strahlenregen, der schräg zwischen uns und dem Bilde jetzt einfällt, verhindert, indem er das Auge blendet, die Wahrnehmung alles gemeinen Details^ Das- Zurücktreten der Einzelnheit hebt die bedeutsame Fülle des- Ganzen. Größer wird der Berg und imposanter, wie, er so dasteht in seiner verschleierten Bläue, wie unter einer krystallenen Glasglocke — sein eigenes Ideal! Was jetzt wirkt, das ist die Masse, die sich selbst
