Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Nr. 70
Mittwoch den 23. März
ism.
Vas große und das kleine Loos.*)
Ein Lebensbild, von Ferdinand Nürnberger .
I.
Am Main.
In einer Gartenwirtbschaft zu Niederrad, welches ein Dorf des Frankfurter Territoriums ist, bildeten die Schenkmädchen eine Gruppe, wie der unbeschäftigte Augenblick das wohl mit sich bringt, und unterhielten sich über die Revenuen des hoffnungsvollen Tages. „Wenn morgen zum Feiertag das Wetter so schön bleibt",. sagte Lieschen von Gelnhausen, „so machen wir nicht Feierabend unter zwei oder drei Gulden". Mit Verwunderung hörte ihre Nachbarin diesen kühnen Aus. ipriich, da sie aber ein Neuling war und erst seit ein paar Lagen debütirte, so schwieg sie bescheiden und ließ der Erfah- reneren das Wort. „Auch heute kommt's noch", setzte Grel- beu und klimperte mit ihrer Einnahme in der nachlässig sichern Stellung eines Menschen, welcher weiß, was er spricht;- „’S hird Sabbath heute Abend, die Herren von den Comptoirs »erden früher als sonst da sein". Gretchen war ein Frankierter Kind und mußte ihr Local kennen. „Wieviel hast du !ckon" ? fragte Susanne von Hanau und that es der Klimpernden mit möglichstem Anstande nach. „'S nicht der Rede lverth", antwortete die Gefragte, das schnippische Naschen rümpfend; „habe ich doch den schlechtesten Posten. Es setzt ich Alles rechts hinunter mit der Aussicht auf den Taunus". — „Du kannst lachen", meinte Lieschen von Gelnhausen zu )er neuen Collegin und lehnte sich dem bescheidenen Mädchen vertraulich auf die Schulter. Aber die Frankfurter Eingebo^ 'ene, minder wohlwollend gegen die Fremde, setzte sogleich tiiijit : „Das ist nur für die erste Weile. Mit allen Neuen uachcu's die Wirthe so. Man gibt ihnen die besten Plätze am Anfang, aber sind sie zu-ewöhut, so treten auch die An- Sern wieder in ihr Recht." — „Laß nur, du wirst doch noch reich bei uns", tröstete Lieschen die scheue Anfängerin; aber Gretchen, als wollte sie dieser die Freude ihres Erwerbes vorweg verleiden, fiel schwell dazwischen: „Nicht wahr, einen
*) Prcisnovelle des vom österreichischen Llopv in Triest herausge- | jebenen „JUustrirten Familienbuchs". j
Batzen bekommst du auch vom Gulden? Bei Schlosser in Offenbach hatten wir sechs Kreuzer". — „Oho, das ist aber doch frischweg gelogen", vermaß sich die von Gelnhausen; — „es ist ja Musik dort", unterstützte die Prahlerin mit Errötben ihre Hyperbel, — „das trägt ein! — Guck einmal"!
In diesem Augenblicke verstummte das Gespräch; alle Aufmerksamkeit der Mädchen wendete sich nach dem Eingänge. Da kamen zwei Herren Arm in Arm und hinter ihnen noch einer, der mit dem Guttapercha-Stäbchen in der Luft focht, und dann wieder zwei, welche einen großen Pudel Lustsprünge machen ließen. Alle Fünf schienen zusammen zu gehören, und verhielt sich's so, — dann war das Glück derer gemacht, die sie zu bedienen bekam. Die Herren hielten am Eingänge inne und überblickten musternd, wie cs aller Gäste Brauch ist, die Lage des Raumes, welchen sie vor sich hatten. Die Schenkiunen standen seitwärts und sahen mit gespannter Erwartung der entscheidenden Wahl entgegen. Endlich trat die Kühnste vor, — es war das Gretchen von Frankfurt, — und meinte mit einer begleitenden Handbewegung: „Hier ist ein schöner Platz"! — „Zu nahe an der Kegelbahn"! rief der Guttapercha-Fechter, indem er echauffirt seinen Strohhut lüftete, — „bas Bombardement verletzt meine zarten Nerven." — „Eben deshalb", neckte sein Nachbar. — „Oder hier!" trat nun auch das Lieschen von Gelnhausen hervor. „Wir lassen uns verloosen!" schrie der Hinterste.
„Hier, meine Herren!" sogte Susanne von Hanau; — den jungen Männern machte die Concurrenz Spaß, man lachte von beiden Seiten und verstand eben, wie es gemeint war. „Ich schlage vor, wir schicken den Pudel voraus und stellen uns unter die Disciplin des thierischen Jnstinctes", rief ein Bruder Lustig; aber schon hatte der Vorderste, ein schlanker, hübscher Blondbart, indem er die wetteifernden Mädchen musterte, die Perle unter ihnen herausgefunden. Zu der bescheidenen Fremden trat er heran, faßte sie unter's Kinn und fragte: „Wo ist dein Departement, mein Kind?" Das Mädchen schlug erröthend die Augen nieder und wies mit der Hand rechts: „dort unter den Fichten." — „Wohlan, da wollen
