Ver Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Nr. 66
Freitag den 18. März
1853
Eine Geliebte ânrls des Lmriteu Nach dem Französischen, von II.
(Fortsetzung.)
Ein reizendes Gemälde Thomas Osby's, welches Heinrich VIII. am Sterbebette der Johanna Sevmoor darstellle, erhielt den Beifall Nelly'S, der Lords und der Dichter. Der Künstler verstand cs mit großem und seltenem Glücke den heuchlerischen Schmerz des gekrönten Fürsten, welcher der kranken Johanna das Versprechen gibt, ihrem Andenken treu zu bleiben, und die ehrerbietige Ungläubigkeit wiederzugeben, die aus allen Zügen dieser Eintags-Königin spricht, deren Augen sich schon mit dem Schleier des Todes bedecken. Die Haltung dieser Scene, welche zwischen einem Herrscher voll Gesundheit und einer Fran spielt, die dem Schaffet nur durch einen frühzeitigen Tod entging, war so geschickt aufgefaßt, es lag in dem Einzelnen so viel Wahrheit, in den Nebenfiguren so viele Zartheit, im Ganzen der Komposition so viel Poesie, daß man nicht anfhören konnte, es zu loben und zu betrachten. Man kam nach einer Weile wieder darauf zurück und ward immer wieder von demselben Reize angezogen.
„Ich gebe fünfhundert Guineen für dieses Bild", sagte Wallers.
„Seid Ihr toll, Ritter", fiel Rochester ein, „es ist ein Meisterwerk, ich gebe tausend dafür."
"Nu" Milords," sagte seinerseits der Marquis von Pem- brock, „ich sehe wohl, daß weder der Eine noch der Andere von Euch fähig ist, den wahren Werth dieses ausgezeichneten Stücks zu schätzen... ich gebe dreitausend Guineen und wenn ich es darum bekomme, so ist cs umsonst."
Die Sucht der Engländer ist die, alles zu überbieten, sowohl bei lächerlichen Dingen, wie bei Gegenständen der Freigebigkeit und des häuslichen Glanzes. Da die Eigenliebe noch durch den Stachel des Stolzes angetrieben war, so überboten die drei Lords einander immer weiter und nach einigen Minuten stieg der Preis für das Bild bis zu fünfuudzwanzig- taustnd Guineen, ein Reichthum, ein wahrer Schatz!
Der Maler war diesem Steigern des Preises lächelnd gc- !
folgt; als er aber sah, daß der Preis seines Werks, obgleich er Vorliebe dafür hatte, die fabelhafte Höhe von fünfund zwa n zig tauf ettd Guineen erreichte, nahm er seine Zeichnung und zerriß sie in tausend Stücke.
„Gott bewahre mich, Milady", rief er, „daß ich von einem Anfall ritterlicher Narrheit und wohlwollender Eitelkeit prositire, um mich vielleicht zu bereichern; eher mögen alle meine Werke zu Grunde gehen, als daß ich mir wegen ihreè Ertrags Gewissensbisse machen dürfte."
„Aber diese Aufopferung!" riefen Nelly Guyn und die Lords, erstaunend über diesen uneigennützigen Heroismus, „und noch dazu in Mitte einer Familie ohne Kleider, ohne Feuer, ohne Brod!"
„Das ist cs für mich nicht," fiel der Künstler mit Würde ein. „Ich nenne alles das nicht Aufopferung, was ich für die Beruhigung meines Gewissens und die Pflicht meiner Ehre thue. Aber kommt hierher, Madame und Milords", fuhr der Künstler mit ruhigerer Stimme fort, „ich habe Euch noch einige Gemälde zu zeigen."
Und Thomas führte die Gesellschaft in das Zimmer, welches Maggi Graham am Tage zuvor besucht hatte, und wo ihr die Idee gekommen war, an Nelly Guyn zu schreiben und schreiben zu lassen.
Kaum waren sie eingetreten, so rief der Graf von Rochester : „Was sehe ich, da ist ja der Ritter Norfolk!"
„Siehe da, der saubere Graf von Clarendon." rief ebenso der Marquis von Pcmbrock.
„Sauberes Subject ist der Ausdruck" sagte Maggi Graham. „Das ist eine Dreieinigkeit von lauter Dieben und Spitzbuben, wohlverstanden, mein Schlingel von einem Sohne damit inbegriffen."
„Es ist unmöglich," meinte Wallers, „die Achnlichkeit besser zu treffen« Man glaubt, sie sprächen, die zwei werthen Freunde."
„Und wie habt Ihr die Bekanntschaft dieser zwei Edelleute gemacht," fragte Nelly. „Habt Ihr diese beiden schönen Gemälde, die wirklich der holländischen Schule würdig sind, erst gemalt, seitdem Ihr hier wohnt?"
