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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Mr. 61
Samstag den 12. März
185»
Eine Geliebte Aarls des Iuseitcn. " Nach dem Französischen, von II.
(Fortsetzung.)
2.
Der Salon einer Schauspielerin zu London im Jahre »«73.
Nelly, eigentlich Helene Guyn genannt, gehörte einer der niedrigsten und gewöhnlichsten Familien Londons an. Ihre Mutter war Fischhändlerin und sie selbst trieb dies Geschäft bis zu ihrem dreizehnten Jahre. Zu dieser Zeil bemerkte der Leiter einer Gauklergesellschaft, der die Straßen Londons durchzog, die reizende Gestalt Nelly's, warb sie für seine Gesellschaft und ließ sie in Wirthshäusern und Schenken singen. Bald darauf nahm eine Frau Roß, deren Haus ein Vcrgnü- guugsort war, das junge Mädchen dem Gaukler, ließ sie lesen, schreiben, rechnen und besonders singen lehren und verwandte alle möglichen Mittel darauf, ihre Sprache zu verbessern und ihre Manieren zu verfeinern, was ihr auch ohne viele Mühe gelang. Nach einer Reihe von Schicksalen kam Nelly Gnyn im Jahre 1067 auf das königliche Theater von Coveutgarden. Nelly war keine Künstlerin ersten Rangs und nicht mit den Größen damaliger Zeit vergleichbar; aber neben ihrer Munterkeit, Lebhaftigkeit, Natürlichkeit und Coquetterie besaß sie großes Talent für den Gesang und Tanz
Ein in den Theaterannalen gewöhnliches Ereigniß zog die Blicke und den Beifall des Publicums anf Nelly Guyn und erhöhte die Leidenschaft, welche sie dem Könige seit 1671 eingeflößt hatte, als sie den Epilog zur „Tyrannenliebe" vortrug, den Dryden ganz besonders für sie verfaßt hatte. Williams Preston, ein ziemlich mittelmäßiger Schauspieler eines kleinen Theaters von London, kündigte an, daß er in einem neuen Stücke in einem unmäßigen breiten Hut anftreten werde; das Volk schwäymte für diesen Hut und protegirte eine schlechte Schauspielerin zu Gunsten dieses Hutes. Der Dichter Dryden, ärgerlich über diesen lächerlichen Triumph, verfertigte sogleich eine Art komischer Oper und ließ einen Hut so groß wie ein Wagenrad verfertigen, den er Fräulein Guyn gab,
welche die erste Rolle spielte. Dieser Wiß erhielt außerordentlichen Beifall; das Publicum und die Schauspieler konnten sich des Lachens nicht enthalten ui d Karl II., der lustigste Fürst, den England je besaß, ward von dem Hute ganz entzückt jinb Niemand lachte weniger als er. Seit dieser Zeit besaß Fräulein Guyn in hohem Grade die Gunst des Publi- cums und des Königs und ihr Talent, ihre Schönheit, ihre Grazie, nicht nur in den Tagesblättern, den Organen der öffentlichen Meinung, sondern auch durch die schönen Künste gepriesen, machten ihren Namen sehr bekannt und volksthüm- lich. Die Dichter, Kritiker und Schauspieler Englands wetteiferten, sie zu feiern. Ueberall war man einstimmig in ihrem Lobe, in Ehrenbezeugungen und Segnungen. Nelly Guyn war, wie wir schon wissen, dieser allgemeinen Bewunderung würdig; sie war gut, gefühlvoll, liebreich, gnädig und wohlwollend gegen Alle. Und was sieht man nicht für diese seltenen und kostbaren Eigenschaften einem jungen und schönen Frauenzimmer nach, dessen Reize Glück und Rang sich eroberten ?
An jenem Abende noch, wo Nelly Guyn durch die Fürsorge von Frau Graham den Brief von Sarah Osby erhalten hatte, versammelte die Schauspielerin in ihrem Salon ihre nächsten Freunde und welche Freunde! Die ausgezeichnetsten Dichter Englands, Samuel Buttler, den Verfasser des Hudibras, Eleanoch Settle, John Dryden, Thomas Willie, Nathaniel Lee, Thomas Ottway; die liebenswürdigsten Edelleute des Hofs von Karl II.: den Grafen von Rochester, den Marquis von Pembrock, den Vicomte von Bolingbrock, den Ritter Waller's und zehn Andere, die mit der ausgesuchtesten Höflichkeit der großen Welt zugleich innige Theilnahme an den Künsten und der Poesie nahmen. Es handelte sich darum, von Ottway selbst die zwei ersten Acte seiner Tragödie: „Die gerettete Venus" vorlesen zu hören und diese erste Beurtheilung des Werkes durch diese ersten Geister sollte natürlich den Fall oder den Erfolg des Stückes vorhersagen.
Der Erfolg war günstig. Der geistige Gerichtshof, nach einander begeistert und durch die schönen Verse und edlen Gedanken, erklärten einstimmig, daß das Stück seinen Verfasser
