Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Mittwoch den 9. März
FASS
Eine Veliedte Karls des Zweiten.
Nach dem Französischen, von II.
(Fortsetzung.)
„Der Eine," fuhr Sarah fort, „nannte sich Graf von Clarendon, der Zweite war der Chevalier Norfolk; was den Dritten betrifft , der ohne Zweifel der schönste und liebenswürdigste war," fügte sie naiv hinzu, „so gehörte dieser einer der reichsten Familie aus der City Londons an; er nannte uns seinen Namen nicht und seine beiden Freunde nannten ihn einfach John."
„John, er ist cs wahrlich selber!" murmelte die alte Maggi, indem sie eine gewaltige Prise Tabak nahm.
„Kennt Ihr ihn, Frau Graham?" fragte Sarah unbefangen.
„Ach! wer kennte nicht John," entgegnete Maggi, „der Name ist so allgemein; ich kann ihn eben so gut kennen, wie nicht kennen; aber wie mir scheint, Sarah, dieser junge Edelmann, denn alle Schüler in Oxford sind Edelleute oder doch so etwas dergleichen, hat Euch nicht mißfallen?"
„Mein Gott," erwiderte das Mädchen erröthend, „dieser Herr John schien so sanft, so gut, so dienstfertig und sein Gesicht war so offen und ehrlich, daß er gleich mein Zutrauen erwarb."
„Und Euer Herz, Miß Sarah?"
Das junge Mädchen senkte die Augen.
„Nun, nun, Sarah, es ist ja nichts Böses dabei und über ein gutes Gefühl muß man nicht crröthen, wie über einen Fehler. Aber, ich bitte, erzählt die Geschichte der Portraits weiter."
„Die drei jungen Leute," begann Sarah wieder, „kamen also mit der Bitte, mein Vater möge ihre Portraits so machen, wie Ihr sie hier sehet. Mein armer Vater war wenig aufgelegt, eine so lange Arbeit zu unternehmen. Er war noch gedrückt von trüben Gedanken, denn meine Mutter war wenige Wochen zuvor gestorben. Aber der Reiz eines ansehnlichen Verdienstes und der Wunsch, unser Loos so viel als möglich zu verbessern, besiegten endlich seine Unentschlossenheit. ’
Er gab sich mit Eifer der Arbeit hin und in weniger als zwei Monaten waren die drei Portraits vollendet. Voller Freude, daß sie so gut ausfielen, eilte mein Vater eines Morgens, seine Bilder in das vornehme Haus zu tragen, wo die drei jungen Edelleute wohnten. Wie groß war aber sein Erstaunen und sein Aerger, als ihm ein Hausmeister sagte, daß die drei jungen Leute Tags zuvor nach Oxford zurückgekehrt seien, ohne ihm einen Auftrag oder Geld gegeben zu haben, um die Bilder in Empfang zu nehmen und zu bezahlen. Mein Vater war außer sich und verwünschte sein blindes Vertrauen. „Ihr werdet nichts verlieren, mein Herr," sagte ihm der Hausmeister, „diese jungen Leute haben wâh-- rend ihres kurzen Anfenthaltes in London viel Geld gebraucht, aber sie gehören vornehmen und reichen Familien an und können früher oder später Ihr Talent belohnen; habt nur Geduld und Muth." Mein Vater war durch diese Worte nur wenig getröstet und kehrte eben so traurig und entmuthigt nach Hause, wie er cs am Morgen voll Hoffnung und Freude verlassen hatte. Bei dieser Geschichte," fuhr Sarah fort, „war der traurigste Umstand der, daß mein Vater, um sich ganz diesem Auftrage hinzugeben und die jungen Leute zu befriedigen, welche ihn täglich drängten, dem Aufseher von Westminster es abschlug, die Gemälde und Fresken, die den großen Saal zierten, zu restauriren. Diese Arbeit hätte ihm gewiß Ruhm und Gewinn verschafft, wurde aber nun einem Anderen übertragen. Hatte ich nun nicht Recht, Frau Graham, wenn ich Euch eben sagte, daß diese drei Portraits der Anfang unseres Unglücks wurden?"
„Die verdammten Windbeutel!" rief die Fischhändlerin, „aber, sagt mir, Miß Sarah, habt Ihr denn gar nichts gethan, um Euere Schuldner zur Zahlung zu bringen?"
„Mein Vater hatte wohl Lust nach Oxford zu gehen, aber die Reise kostet viel und wir haben schon lange keine Guinee mehr zum Leben besessen, geschweige denn zum Reisen."
„Da mußtet Ihr schreiben," unterbrach sie Maggi.
„Das hat auch mein Vater gethan."
„Nun, haben sie kein Lebenzeichen von sich gegeben?" „Verzeiht," erwiderte Sarah, „Einer unserer drei Schuldner
