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Der Wanderer.

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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

Ar. SL /reilag den 4. März ^«ss

Die Curstauben.

Novelle in drei Capiteln von Carl Gutzkow.

(Fortsetzung.)

Michael Herz sprach von der Politik, von den Staats­effecten, heute sogar von der Lyrik, von den Musenalmanachen, von der Emancipation und den künftigen Anstellungen, die sich endlich auch den jungen Musensöhnen jüdischen Glaubens eröffnen würden. Er zog Beranger und Robert Burns dem Meisten vor, was man so auf dem deutschen Parnaß seit Jahren hätte zu hören bekommen, und ließ sich, wenn ihn Sancho dafür einen herzlosen Aankee nannte, diese Bezeich­nung gefallen. Er würzte das Gespräch mit allerhand Dro- lerieen, die ihm eigen waren und seine kleine Figur schon oft an einer großen Tafel zur Hauptperson gemacht hatten. Da­bei schenkte er dem „Freund" fleißiger ein, als cs Leontine liebte. Sie hatte die Sitte des Röthigens immer kleinstädtisch gefunden, die des Zutrinkens vollends matrosenhaft und eng­lisch. An Sparen konnte die reiche junge Frau dabei nicht denken; vielleicht hatte Michael Herz Recht, wenn er sich im Stillen sagte: Es ist das jene Engherzigkeit der Frauen, die auf einem Sinne für das Maßvolle beruht und die beste Garantie ihrer Tugend ist.

Die Suppe, der Rostbeef waren vorüber. Man kam an die Gemüse. Es gab junge Erbsen. Michael Herz, der den Küchenzettel vollständig vorauskannte, freute sich der schönen Ordnung. Es ging Alles am Schnürchen und doch wurden die Fäden, die das Alles vom Tische zur Küche, von der Küche zum Tische lenkten, niemals sichtbar.

Jetzt aber, beinahe wie um ihn zu zerstreuen, richtete Leon­tine an Herz einige lebhafte Fragen. Herz antwortete nicht sogleich, denn es fesselte ihn etwas, ein Fehler im Servilen, eine auffallende Lücke des Gemüseganges. Man hatte zwei Gemüse und nur eine Beilage. Es fehlten junge Tauben, dir zu den grünen Erbsen leiten gegeben werden sollen. Hätte er ahnen können, daß gerade diese jungen Tauben draußen in der Küche eben von Leontinen waren abbestellt worden.

Mit dem ihm eigenen Humor sagte Michael Herz:

Bester Doctor! Sie müssen heute mit Pasteten vorlieb nehmen, die ein wenig trocken sind! Liebe Leontine, warum haben wir zu den jungen Erbsen nicht Tauben, die man bei uns so vortrefflich zuzubereiten versteht?

Sancho, dessen Seele immer zwischen Poesie und Tauben und Tauben und Poesie und Poesie und Leontinen hin und her schwärmte, biß sich bei Erwähnung der Tauben auf die Lippen und Leontine gerieth in sichtliche Verlegenheit —

Tauben? sagte sie fast tonlos und mit einem blinzelnden Auge, dessen Aufforderung zum Schweigen Herz entweder über­sah oder nicht verstand. ... Er wandte sich zu dem auf­wartenden Diener und erinnerte an die Tauben — Tauben! welche Tauben? fragte Leontine.

Unsere binnen acht Tagen mit Eröffnung des elektrischen Telegraphen ausgedienten lieben Curstauben, sagte Herz und wandte sich nochmals an die Bedienung: Habt ihr die Tau­ben vergessen?

Die Bedienung schwieg und sah nieder.

Brav, Leontine, sagte Herz in aller Unbefangenheit, brav, jetzt ver steh' ich! brav, daß du mir den Schmerz ersparst. Was sagen Sie, Doctor? Sie wissen doch, daß ich mir seit einem Jahre Curstauben hielt?

Curstauben? fragte Sanche mit einem bedeutsamen Blicke auf Leontinen, die auf den Teller niedersah und keines Wor­tes fähig war.

Haben Sie nie meine Frau gesehen, fuhr Herz fort, wenn sie Mittags um 12 Uhr auf unsern kleinen Thurm stieg und die Course abwartete, welche mir meine Tauben von Brüssel brachten? Von Paris nach Brüssel signalisirt sie der Tele­graph, von dort bis hierher ist jetzt erst endlich der elektrische Draht fertig geworden. Jeden Mittag hatte ich meine Curse durch eine Taubenpost, die ein Relais am Rhein, ein zweites an der Weser und ein drittes an der Elbe hatten. Kamen die Curse Mittags auf unserem Thürmchen an, so empfing sie meine gute Leontine und schickte sie mir aufs Comptoir, wo sie gerade noch zur rechten Zeit ankamen, um damit auf ; der Börse sicher zu operiren.

So! So! sagte Sancho in einem Tone, der einem «nS