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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgeincinen Zeitung.

Nr< 31. Dienstag den 1 ^äe; issa«

Die Eurstauben.

Novelle in drei Capiteln von Carl Gutzkow.

sFortsetzung.)

Die Hochzeitreise aber, welche die jungen Eheleute mach­ten, hatte das Gute, daß Leontine wenigstens vor der prak­tischen Umsicht ihres Mannes etwas Achtung gewann. Sie erkannte sehr bald, daß ein so sicheres und dabei nicht vor­lautes und eine zarte Natur in Verlegenheit bringendes Auf- treten in Gasthöfen und auf Eisenbahnen, wie es Michael Herz eigen war, nur die Folge der Lebenserfahrung und Weltrontine sein konnte. Es gewann ihr zuweilen ein wenig Bewunderung ab, wie sicher und planmäßig diese Reise nach der Schweiz und den schönsten Theilen des deutschen Oester­reich ungeordnet war im Vergleich zu dem Geschrei und dem Durcheinander, wenn sie mit ihren Aeltern reiste. Auf einer so kurzen Fahrt wie nach Pyrmont war sie jährlich gewohnt gewesen, daß die Familie Simonis mindestens drei Rück n- kissen, ebenso viel Handtaschen, oft noch wichtigere Dinge lie­gen ließ, dann mitten im Fluge des DampfwagenS von An- 1 haltenlassen sprach, nach allen Conducteuren rief und sich nicht selten entschließen mußte, telegraphische Depeschen um gestickte Sacktücher und lederne Luftkissen hin und her spielen zu las­sen. Diese bodenlose Unsicherheit, die mitten im schönsten Genusse bei den elterlichen Reisen Aufschreie und Schrecken aller Art zu verursachen pflegte und ihr das Reisen unter solchen Umständen eigentlich schon längst verleidet hatte, fiel bei Michael Herz gänzlich weg. Das junge Ehepaar reiste allein, nur in Begleitung einer einzigen Dienerin und Alles ging vortrefflich von Statten. Michael rauchte seine Cigar­ren, fand Alles, was man beabsichtige, anregend, mehr oder minder auch merkwürdig und verbreitete dabei ein so behag­liches Gefühl der Sicherheit, daß sie ihm im Stillen das Zugtständniß eines praktischen Mannes , mit dem wenigstens äußerlich sich leben ließ, nicht verweigern konnte.

Nach Hanse znrückgckchrt stellte sich das Gewonnene aber i bald in Frage. Michael Herz war in seinem neuen Wohn­orte fremd, hatte ein neues Etablissement zu begründen und :

fühlte, baß die Verwandtschaft ihm nicht diejenige Selbststän­digkeit cinräumen wollte, die er gewinnen mußte, um sich be­haglich zu wissen. Sein verständiger Sinn hatte sich früh im Leben znrechtgcfundcn. Er sah älter aus, als er war, aber er hatte noch mehr Klarheit seines Wollens, als man selbst seinem Aussehen hätte einräumen mögen. Solche halb- blasirte Naturen sind zähe in ihren Vorstellungen von Dem, was man gemeinlich Glück nennt. Michael Herz schwieg zu Allem, was er sich von Schwiegerältern, Schwägern, ja selbst seiner Gattin gefallen lassen mußte, war aber nicht im min­desten gewillt, die Dinge so gehen zu lassen, wie sie in den ersten Monaten seiner Ehe und neuen Niederlassung gingen. Ell trällerte, scherzte, lachte, spielte den Unbefangenen, sah aber wohl, wie in seiner glänzenden, kostbar eingerichteten Wohnung ganz andere Geister herrschten als die, die sich sei­ner Botmäßigkeit unterworfen fühlten.

Vvn einer innigeren Vertraulichkeit Leontinens mit ihm selbst war keine Rede. Man gab sich die Miene, ihn erziehen zu wollen- schrieb ihm eine Menge von Regeln seines Verhai-

1 teils sowohl in der Geschäftswelt wie in der Gesellschaft vor und wenn er gar beobachten mußte, daß die Hoffnung, die Leontine gewann, Mutter zu werden, wie eine Angelegenheit betrachtet wurde, die mehr die Familie als ihn selbst beträfe, so hatte er Augenblicke des Schmerzes und konnte sogar, weil er die Verstimmung nicht wegheuchelte, Anlaß geben, sich ernst­lich über ihn zu beklagen.

Als nach der Geburt eines Sohnes es den Anschein batte, als wenn Leontine mit jetzt noch gesteigerterer Gleichgültigkeit für ihn und sein Bedürfen nach Gemüthlichkeit sich wieder- alleinstellen und die Nahrung ihres geistigen Daseins aus tau­send andern Hilfsquellen, nur nicht aus ihm, suchen würde, nahm er sich ernstlich vor, dieser Gefahr der Unterodnung end lich für immer vorzubeugen. Er hatte sich dazu manches Mittel überlegt. Ein ernstes gemüthliches Wort mit Leonti- neu, eine Bitte um Verständigung, die Btthencrung seiner i Liebe, alles Das schien ihm sehr gefährlich, seinem Charakter widersprechend und fruchtlos. Denn, sagte er sich, wie selten überlegen die Mütter, daß sie mit Allem, waS sic um Gottes-