Der Wanderer.
Kelletristisches Dkiblatt ;nr Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Ar. 299.
Samstag den 18. December
isrs.
Eugen Stillfried.
Von F. W. Hackländer.
(Fortsetzung.)
In dem Hause in welches der Verwundete gebracht wurde, war ein alter Mann und eine alte Frau, brave, redliche Leute, die den verwundeten Feind mit einem Gefühl innigsten Dankes gegen Gott in ihr Haus auf« nahmen. Ihr einziger Sohn, ein junger Mensch von achtzehn Jahren, hatte ebenfalls die Schlacht mitgemacht und war beim Zurückgehen der Piemontesen nicht weit vom elterlichen Hause von einer Kugel leicht in den Arm verwundet worden. Dieses Glück beim Unglück schien den Eltern so groß und unerhört, daß sie es, wie schon bemerkt, für ihre heilige Pflicht hielten, den Verwundeten, der vor ihre Thür gebracht wurde, liebreich aufzunehmen und zu verpflegen. Und diesen Leuten allein .verdankte er neben der Gnade des Himmels seine Rettung.
Sie behandelten ihn wie ihr eigenes Kind, der Vater, selbst eine Art Doctor, holte ihm die Kugel aus der Brust, die alte Frau verließ Tag und Nacht sein Bett nicht, und an einem schönen Morgen — die Erde prangte damals im schönsten Schmucke des Frühlings —, nachdem der Kranke oftmals dringend verlangt, zu wissen, wo er denn eigentlich sei, richtete ihn der junge Piemontese, der schon längst wieder hcrgestellt war, im Bette auf, öffnete das dicht verhängte Fenster und iieß ihn hinaus schauen.
Vor seinen Augen breitete sich das Schlachtfeld aus; aber er kannte es nicht wieder. Die damals so kahlen Felder waren mit frischen, grünen Saaten bedeckt und fzeigten nur hie und da an einzelnen grauen Stellen, wo die Schlacht am stärksten gewüthet. Die Reben, welche damals nur ihre knorrigen Aeste in den seltsamsten Gestalten gezeigt, waren jetzt mit Blättern bedeckt und wiegten sich im Winde hin und her, leise ihre Blätter, wie vor Schrecken, schüttelnd, als erzählten sie sich allerlei blutige und furchtbare Geschichten.
Bald war der junge Bildhauer so weit wieder hergestellt, daß er das Haus verlassen und, auf den Arm des jungen Pie- ruvntesen gestützt, in der Nachbarschaft herum gehen konnte.
Sein erster Gang war natürlich auf das Schlachtfeld selbst, wo er die Stellen aufsuchte, auf denen er gefochten und wo er gefallen war. Ihm kam es aber vor, als sei das Alles schon vor langen Jahren geschehen; denn von dem Bilde des Schlachttages selbst, wie es ihm vor Augen schwebte, fand er nur unbedeutende Spuren. Casa Bianchi, wo es am blutigsten hergegangen, lag so freundlich und ruhig zwischen den grünen Saaten, zwischen belaubten Bäumen und Rcbengelän- dern, so still und friedlich, als sei durch das weite Thor dieses Landhauses nie etwas Anderes ans und eingefahren, als jener beladene Wagen mit den weißen, ruhig dahin schreitenden Ochsen. Und doch waren durch eben dieses Thor die piemontcsichen Batterien in rascher Eile verschwunden, hatten in dem Hofe abgeprotzt und eine Kartäschenladung um die andere den stürmenden Jägern entgegen geschleudert.
Schritt für Schritt ging er den Hügel wieder hinauf, denselben Weg, den er damals im Feuer gemacht, und ein eigenes, wehmüthiges Gefühl beschlich ihn, wenn er dabei stehen blieb und an diesen und jenen Kameraden dachte, der hier und dort neben ihm gefallen und ihm, tief ausseufzend, den letzten Blick nachgesandt.
Als er nun in die Nähe der Gebäude kam, bemerkte er wohl noch die Spuren des heftigen Kampfes. Die Löcher, die die Kugeln gerissen, waren zwar verstrichen, aber noch immer kenntlich an der helleren Farbe. Hier und da sah man auch neue Fensterläden j Lücken in den Baumreihen und zerstörte Rebeugeländer. Da mußte er unwillkürlich daran denken, wie noch manches lange Jahr vergehen müsse, bis alle die Wunden hier wieder vernarbt seien und ein scharfes Auge nichts mehr finde, was an jenen schrecklichen Tag des Kampfes erinnere.
Und dabei drückte er mit einem schmerzlichen Gefühle die Hand fest auf das Herz. Auch hier war cs wie ein Schlachtfeld ) auch hier hatte er begraben geliebte Todte, feurige Wünsche, süße Hoffnungen. Auch hier waren die Keime in den Saaten niedergetreten, ohne Aussicht auf künftige Frucht; hier, das fühlte er wohl, sah es trostloser und öder aus, als auf dem Schlachtfelde von Novara
