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Stuhle auffahren. Doch zog ihn Herr Sidel wieder zurück und bat ihn, ruhig zu sein.

Der zweite Theil ist euch, wie ich glaube, in den letzten Tagen durch die Erzählung meines Freundes Eugen bekannt geworden. Ich kann also darüber flüchtig hinweggehen und mich zu dem dritten und letzten wenden. — Es ist etwas fürch­terliches um eine Schlacht; ich habe das erlebt und all die Schrecknisse gesehen, all das Elend, das wie ein langer schwar­zer Mantel wallt hinter jenen blutigen, aufgeregten, ja man könnte sagen: glänzenden Stunden. Der Kampf ist vorüber; Regiment um Regiment zieht sich hier- und dorthin vom Schlachtfelde, und es bleibt nichts zurück, als die Gefallenen, Tode und Verwundete, als die Leichen von Pferden, als zer­störtes Heergeräthe aller Art.

In der Nähe einer kleinen Villa, der Casa Bianchi, chatte ich meinen jungen Freund zum letzten Male wacker kämpfen sehen. Dort war er verwundet worden; ein paar Cameraden batten ihn zurückgetragen; von da ging jede Spur von ihm verloren. Er war in die Brust geschossen, nothdürftig ver­bunden worden: er mußte lange Stunden besinnungslos ge­legen haben.

Er erwachte? schrie Eugen laut und freudig auf. Doctor, um Gottes willen! treiben Sie keinen Scherz mit uns!

Junger Mann, erwiderte der Erzähler mit komisch-scherz­hafter Stimme, die aber ein klein wenig vor Rührung zu zittern schien, Sie haben nicht das Wort. Dann fuhr er ge­lassen fort:

Als der Jäger erwachte, war es finstere Nacht um ihn. Vom Himmel herab strömte der Regen, langsam und gleich­förmig, und erfrischte ihm die Stirn und die trockenen Lippen. Er fühlte an seine Brust, die ihn heftig schmerzte; man hatte um seine Wunde einen Verband gelegt, ihn aber nicht zurück transportirt. Jetzt glaubte er sich der letzten Worte zu erin­nern, die er vor einer langen und tiefen Ohnmacht gehört, der Worte, die schmerzlich in sein Ohr geklungen waren: Wir wollen ihn verbinden; aber es hilft nichts, den Transport kann er nicht überleben.

Daß er sich unter freiem Himmel befand, bemerkte er, wie schon gesagt, augenblicklich, und daß er auch mitten im Schlacht­felde war, hörte er jetzt an den seltsamen, schrecklichen Tönen, die leise und laut an sein Ohr schlugen. Er lag in der Nähe eines Baumes auf einem Erbaufwurf. Doch war seine Lage nichts weniger als behaglich, da sich bei der Nacht nicht nur ein scharfer Wind erhob, sondern es auch gegen Morgen au- fing zu schneien.

Der verwundete Freiwillige suchte sich empor zu richten, und es gelang ihm auch, nachdem er sich einigemal vergeblich bemüht. Ein unbestimmtes Gefühl trieb ihn, hinter jenem Hügel Schutz zu suchen, und nach langer schmerzensvoller An­

strengung kam er auf die andere Seite, rollte aber dort in einen tiefen Graben, wo er wieder eine Zeit lang besinnungs­los liegen blieb. Hier aber war er wenigstens vor dem Wetter geschützt, und als er bald darauf abermals die Augen schloß, war es nicht wieder eine Ohnmacht, die ihn überfiel, sondern ein leichter Schlummer.

Endlich brach der Morgen an, kalt und grau, frostig und nebelhaft. Die Nacht, die so viel Elend mitleidig verhüllt hatte, schien ungern empor zu ziehen und sie zögernd verlassen zu wollen, all die Unglücklichen, die sie bis jetzt mit ihrem schwarzen Mantel bedeckt.

Der Freiwillige, abwechselnd zwischen Schlummer und Ohnmachten, hatte nur wenige lichte Momente, und als er nach längerer Zeit einmal wieder die Augen aufschlug, be­merkte er, daß ihn Soldaten umstanden, die ihn neugierig be­trachteten. Sie hatten Schnüffeln und Hacken in den Hän­den, und als er einen tiefen Seufzer ausstieß, hoben sie ihn sanft in die Höhe, legten ihn auf einen Wagen, und er wurde weggeführt.

Und wieder erwachte er auf einem Strohlager in einer kleinen Hütte; aber das behagliche Gefühl der Wärme durch­strömte ihn; auch hatte man sich mit seiner Wunde beschäf­tigt; denn er fühlte nicht mehr jenen scharfen, stechenden Schmerz, sondern nur eine große Ermattung, die seinen Köw per durchzog. Dann aber kam das Wundfieber mit glühen­der Hitze und wilden Phantasieen und jagte seinen Geist ruhe­los umher, zauberte ihm schöne und schreckliche Bilder vor Augen, führte ihn durch den Himmel und die Hölle, in der Wirklichkeit aber hart am Rande des Grabes vorbei. Doch hielt das Leben zu fest an dem kräftigen Körper; die Tage der Gefahr gingen vorüber — er konnte als gerettet betrachtet werden.

Doctor! unterbrach den Erzähler hier Eugen auf's Neue, ist es wahr, was Sie hier erzählen? — Wellen, Sie werden keinen Scherz mit uns treiben?

Das Unerklärlichste an der ganzen Sache war mir immer fuhr dieser ruhig fort, daß ich den Freiwilligen, trotz meines emsigen, tagelangen Suchens, nicht gefunden. Jetzt ist mir Alles klar geworden. — Als man ihn vom Felde hinweg gegen Novara transportirte, wurde er von der Bewegung des Wagens so schwach, so hinsterbend, daß der begleitende Unter­arzt es für besser hielt, ihn in einem kleinen Hause an der Straße zu lassen, dessen Einwohner, Piemontesen, sich freund­lichst bereit erklärten, den Verwundeten aufzunehmen. Sollte ersterben, so versprachen sie, ihn anständig begraben zu lassen; vorher aber wollten sie alles Mögliche versuchen, ihn wieder herzustellen. (Fortsetzung folgt.)