Der Wanderer.
¥, 294.
Metrisches Deiblatt;sr
AkzkAtme« Zeitssg.
Montag den 13. December
/KLS.
Engen SMLfricd.
Von F. W. H a c? l ä N d e r.
(Fortsetzung.)
Verzeihen Sie mir, Herr Polizcicommifsär, sagte jetzt Ma- dame Schoppelmann; es sieht ja fast aus, als gehen uns-die Papiere der Frau Schilder an!— Was haben wir um Gottes willen damit zu schaffen?
Herr Wunsch zuckte auffallend hoch die Achseln und sagte: Wir wollen das später, hoffe ich, erfahren. Für jetzt muß ich Sie um einen Augenblick Gehör bitten.
Damit hatte er die Papiere vor sich ausgebreitct, glättete ■ sie behutsam, indem er mit dem Bermel darüber strich, und las nun mit einer wahrhaft erschütternden Stimme und mit einem unsäglich blutgierigen Blicke auf Clementine: „Verhandelt in Anwesenheit der Gerichtsbeisitzer N. N." Dann schaute er abermals in die Höhe, um die Gewißheit zu erlangen, welchen Eindruck diese schreckliche Einleitung auf das Gemüth der beiden Frauen hervorgebracht.
Die Gemüsehändlerin, die dergleichen schon mehrmals gehört hatte, war sich ziemlich gleich geblieben, Jungfer Strebe- liiig dagegen zusammengeknickt, wie eine vom Hagel getrof- iene Lilie.
In Anwesenheit der Gerichtsbeisitzer rc. wurde an dem und dem Tage von unterzeichnetem Polizeicommissär in der Wohnung der verstorbenen Frau Schilder eine Haussuchung ^rgenommyt, deren Resultat Folgendes war: Nach verschiedenen unbedeutenden Sachen, fuhr Herr Wunsch fort, indem er mehrere Blätter umwendete, fand sich eine Eichcnholzcommode vor, deren obere Schublade einen doppelten Boden ergab, welches Behältniß nachfolgende Papiere enthielt re. — unwe- |entli$; ferner aber eine Staatsobligation Nr. 4680, eine dito Nr. 4681, eine dito Nr. 4682, zusammen im Betrage von dreitausend Gulden.
Herr Jesus! seufzte Clementine.
Bei diesen Obligationen lag ein Document, welches be- Ne, daß diese dreitausend Gulden sich dadurch im rechtmä- bigen Besitze der Frau Schilder befänden, weil sie ihr von
der ehemaligen Inhaberin dieser Obligationen zur Deckung eines früher gemachten Anlehens zurückbezahlt werden seien.
Hier machte der Beamte eine Pause und Madame Schop- Pelmann, welche diese Sache zn intertssiren anfing, trat zu dem Tische und sagte: Das ist allerdings merkwürdig! Da möchte ich nur wissen, welcher Christenmensch der Schilder etwas schuldig gewesen. Dreitausend Gulden! — und wer hat die heimbezahlt?—Na, da schau' einer an!
Clementine war mehr todt als lebendig. 'Obgleich sie keinen Begriff davon hatte, was eigentlich Schreckliches über sie hereinbrechen würde, so fühlte sie doch, daß über ihrem Haupte ein Schwert an einem Faden hing, und daß der Faden eben im Begriffe sei, zu zerreißen. Sie erhob sich langsam von ihrem Stuhle; sie schien das Zimmer verlassen zu wollen; doch ein gebieterischer Blick des Polizeicommissärs traf sie so mächtig, daß sie kraft- und willenlos in ihren Stuhl-zurücksiel.
Diese Obligationen im Betrage von dreitausend Suiten, fuhr der schreckliche Mann fort, wurden der Frau Schilder vor nicht langer Zeit heimbezahlt, und zwar, wie das beiliegende Document beurkundet, durch — Jungfer Clementine Strcbeling. -
Wenn in diesem Augenblicke die ganze Vorhalle eingestürzt wäre, hätte Madame Schoppelmann, die begierig den Namen erwartete, nicht mehr erschrecken können, als jetzt, wo sie diesen vernahm. Sie faltete ihre Hände und brachte nur mühsam die Worte hervor." Ja, ist denn das möglich?
Der Polizei-Commisfär hatte sich in seinen Stuhl zurückgelegt und spielte mit einem' Bleistifte, während er die unglückliche Clementine betrachtete.
Ja, habe ich denn recht gehört? rief die dicke Frau, indem sie ihre Hände mehrmals zusammenschlug. Ja, kann ich meinen Ohren trauen? Ihr, Strebelinge, habt der Schilder dreitausend Gulden gegeben?
In Obligationen! bekräftigte der Beamte mit einem Kopfnicken.
So sprecht doch, unglückliches Weibsbild I sagte die Gemüsehändlerin in einer wahren Verzweiflung. Da sitzt der
