Der Wanderer.
Beiblatt zur
, AügtMMk« Zcitllüg.
3,. 25)^.
Freitai; den 1$). December
/S.5».
Ctißvtt Stillfried.
Son F. W. Hackländer.
(Fortsetzung.)
Die Gcmüschäudlcrin saß vor der crbrocheucn geheimen Schublade ihres SchreibpulteS und legte die Hände ermattet in den Schooß. Sie wußte wohl, welche Gemeinschaft ihre beiden Söhne mit der Schilder drüben gehabt; ja, die Strcbe- ling, die an jenem uuglückliebc» Abend zufällig droben am Fenster war, wvllte die Gebrüder Schoppclmann noch gesehen haben, als sie spät jenes Haus verließen. Nun war die Frau eines so plötzlichen und schrecklichen Todes gestorben, und die Leiden — Gott im Himmel! dachte die Frau schaudernd — vielleicht in Folge davon so plötzlich verschwunden.
Es war gut, daß die arme Mutter, während auf der einen Seite ihr Herz durch ihre Söhne so tief betrübt war, durch das Glück ihrer Töchter auf der anderen Seite hoch erfreut wurde. Aber sie fühlte sich hier in diesen finsteren Mauern so einsam. Seit Katharine das Haus verlassen, war ihr, trotz der thätigen Hülfe „fror Jungfer Strebcling, das Duze Anwesen eine große Last geworden; sie liebte cs nicht mehr, sie konnte es nicht mehr mit dem Interesse anschauen wie früher. Nun aber, seit jene Geschichte drüben vorgefallen mar, seit ihre Söhne das Hans verlassen, seit die Hand ihrer eigenen Kinder sie bestohlen, war es der alten Frau unheimlich geworden, und dieser Hof, dieses Haus, Zimmer und Waarenmagazin, sonst ihr Stolz und ihre Freude, alles das hatte nichts Anziehendes mehr für sie; sie fand cs hier zum erstenmale finster und uuwohulich.
Nachdem die Gemüsehändlerin ihr Schreibpult wieder vergossen, begab sie sich in ihr Zimmer nach dem Hofe zu, in jene Vorhalle mit dein großen Heerde, wo sie sich in der Ka- 'iiiiictfc neben dem prasselnden Feuer niedersetzte. An dem Ds bekannten Tische in der Nähe der Thüre befand sich Jungfer Strebcling; sie hatte das große Buch vor sich und übertrug die Hieroglyphen der Schiefertafel in leserliche Worte "ud Zahlen. Die alte Jungfer war so in ihr Geschäft vertieft, ^ sie nicht einmal zu bemerken schien, wie Madame Schop
pclmann aus dem Nebenzimmer kam und sich in ihren traulichen Winkel setzte.
Aber, ach! dieser Winkel war nicht mehr so traulich wie vordem, wie an jenem Morgen, wo wir den geneigten Leser zum erstenmale hier einführten, wo draußen auf dem Hofe die warme Frühlingssonue schien und im Scheine derselben aufgehäuft lag, was es in jener Jahreszeit Gutes und Schönes gab. Und in den Monaten Mai und Juni gibt es viel Schönes. — War damals nicht auch Katharine in das Zim-- mer getreten, die lustige, vergnügte, glückliche Katharine, und hatte nicht dort an jenem Tische der Fuhrmann gesessen? — Wo mag der jetzt sein? —----
Die Gemüsehändlerin seufzte so lange und laut, daß Jungfer Clementine nothwendiger Weise in ihrer Arbeit einhalten und aufblicken mußte.
Was fehlt Euch denn, Fran? fragte sie erschrocken. Du lieber Gott, Ihr müßt das nicht so zu Herzen nehmen! Die werden schon wieder kommen.
Darüber habe ich eigentlich nicht geseufzt, versetzte Madame Schoppclmann. Es war nur so ein Seufzer im Allgemeinen. Aber ich habe in der letzten Zeit wirklich zu viel Unangenehmes erlebt!
Aber auch Angenehmes, sagte Clementine, während sie einen Finger auf die Schiefertafel hielt, um die Stelle nicht zu vergessen, wo sie gerade am Uebertragen war.
Ja, allerdings, die Katharine, sagte die Frau achselzuckend. Da könnte vielleicht noch was Gutes daraus entstehen. Vielleicht, sage ich, nur vielleicht; denn das Schicksal hat seine Launen. — Aber hier dieses Haus ist mir gewaltig entleibet. Sieht Sic, Strebelinge, wenn meine beiden Söhne auch als ein paar Taugenichtse bekannt waren, so hatten sie doch bis jetzt noch nichts gethan, was sie vor der ganzen Welt blamiren konnte.
Und nun ? fragte Clemente erstaunt.
Da mag man sagen, was man will, fuhr die Gemüsehändlerin finster fort und schlug mit ihrer geballten rechten Faust in die Handfläche, sie stehen zu der traurigen Geschichte da drüben in irgend einer Verbindung.
