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»r. 954.

Ikiblatt rnr Nassauischen Allgemeine» Zeitang.

Donnerstag den 28. Getober

185».

Eugen Stillfried.

Von F. W. Hackländer.

(Fortsetzung.)

Martha, die Köchin, that sich in diesem Augenblicke die offenbarste Gewalt an, um nicht in ein lautes Weinen ans­zubrechen; ja, sie begann mit einer wahren Wuth den armen Hasen zu spicken, stopfte ihm aber in ihrem Schmerze solche erschreckliche Speckbrocken in den Leib, daß sie von dreien immer zwei wieder heraus ziehen mußte. Und wenn dies ge­schah, wandte sie sich ackselzuckend zu Martin, und ihre jam­mervolle Miene wollte offenbar ausdrücken: Muß man nicht zerstreut sein bei solchen entsetzlichen Veranlassungen?

Auch der alte Jakob sah, daß er heute Morgen keinen Sinn für Porcellan und Silber habe, und schloß deshalb seine Schränke und ging hinab, um ebenfalls in der Küche Trost zu suchen.

Sein Eintritt war das Zeichen zu einigen wirklichen Thrä­nen der Köchin; der alte Martin wischte sich heftig die An­gen, worauf sich selbst Jakob veranlaßt sah, eine starke Prise r» nehmen. Dann klopfte er heftig auf den Deckel seiner Dose und sagte: Was nützt alles das Geflenn? Geschehene Dinge sind nicht zu ändern; jetzt muß man dafür sorgen, die Sache auf eine anständige Art zu Ende zu bringen.

Wir können hier als Erzähler nicht umhin, die Vermu­tung auszusprecheu, als glaube der geneigte Leser, die Vor- sälle im Schoppelmann'schen Hause in Bezug auf Herrn Eu­gen Stillfried seien es, was die Dienerschaft des elterlichen Hauses so in Schmerz und Betrübniß versetzt. Wir müssen ^er erklären, daß der Grund hiervon ein anderer ist. Hatte auch die Nachricht von dem neulichen Vorfälle die sämmtliche Dienerschaft sehr bestürzt gemacht, so war dagegen die That-

daß Herr Eugen dem jungen Schoppelmann ein Tüch­tiges ausgewischt, und daß er darauf schleunig die Stadt ver= so erfreulicher Art, daß man sich hierüber bald wieder eruhigte. Auch hatte Jakob, der den Zusammenhang genau «u kennen schien, die Versicherung abgegeben, es sei für den iungen Herrn weit besser, daß er für eine Zeit lang die Stadt taffen habe.

^twaö Anderes war es demnach, was die Gemüther der

sämmtlichen Stillfried'schen Dienerschaft so schmerzlich drückte. Jakob hatte gesagt: geschehene Dinge seien nicht zu ändern, und man müsse nur dafür sorgen, daß die Sache auf eine anständige Art zu Ende gebracht werde. Martha hatte bei diesen Worten augenscheinlich geschaudert.

Ich habe das Ding schon lange gemerkt, sagte Martin, da mögt Ihr sagen, was Ihr wollt. Wenn ich auch nicht gewußt, um was es sich handelt, so sah ich doch, daß etwas nicht richtig war.

Und woran saht Ihr das? fragte erschrocken die Köchin.

Das will ich Euch sagen, fnhr der Kutscher fort. Seht Ihr die Nanett', die war bis vor einem halben Jahre ganz anders. Damals halte sie noch über Alles so recht herzlich gelacht; das konnte man ihrer großen Jugend schon verzeihen; denn, nebenbei gesagt, wenn man ihr etwas auftrug, so hatte sie es immer pünktlich ausgerichtet; dabei bekümmerte sie sich um die ganze Welt nicht; die Hausthür machte sic höchst un­gern auf, Ausgänge für sich zu machen, liebte sie gar nicht, nnd wenn mau sie einmal wegschickte, so kam sie in der aller- schnellsten Zeit zurück.

Das ist alles wahr, sagte Jakob.

Hat sich aber in der letzten Zeit sehr verändert, fuhr der Kutscher fort.

Richtig, sagte die Köchin und legte die Spicknadel nieder mit einem so verblüfften Gesicht, als erstaune sie über ihre eigene Dummheit, das nicht früher gemerkt zu haben.

Seit einem halben Jahre, so sprach Martin weiter, wenig­stens seit ein paar Monaten habe ich die Nanett' nicht mehr aus Herzensgrund lachen hören; das war, wenn es vorkam, nur so ein erzwungenes Gekicher, und wenn man einmal einen Spaß mit ihr machte, da konnte sie im vollen Ernste verlegen werden. Wißt Ihr noch, wie Ihr vor einiger Zeit sagtet: ich hätte jetzt alles Ernstes Lust, mich zu verheirathen, und wenn sie dazu geneigt wäre, so wollte ich mit der Madame ein Wort sprechen?

Das war aber auch ein schlechter Spaß, sagte einiger Maßen ärgerlich die Köchin; man muß den jungen nasewei­sen Dingern solche Grillen nicht in den Kopf setzen.

Da hat sich waö in den Kopf zu setzen! lachte der K»t-