Der Wanderer.
Ar. »50.
Deiblatt rar
Allgemeinen Mang.
Samstag den 23. Getobee
/m
Eugen Stillfried
Don F. W. Hackländer.
(Fortsetzung.)
Dreizehntes Capitel.
Enthält verschiedene Unterredungen im Stillfried'schen Hause, erzählt von neuen Planen der Gebrüder Schoppelmann; auch scheint sich in diesem Capitel eine glückliche Wendung der ganzen Geschichte anbahnen zu wollen.
An jenem Tage, wo Eugen die letzte Unterredung mit seiner Mutter hatte, in welcher er versprochen, einen Theil jener Papiere, die sich in dem kleinen versiegelten Pakete beenden, in ihre Hände zu liefern, hatte die Staatsräthin, wie dir bereits wissen, ihren Hausfreund, den Justizrath Werner, bitten lassen, sie doch ja im Laufe des Nachmittags zu besn- $cn- Daß er nicht erschienen nnd welche Geschäfte ihn zurück gehalten, wissen wir ebenfalls. Madame Stillfried, obgleich nicht die geringste Kenntniß davon hatte, was sich an jenem Abend begeben, befand sich trotzdem den ganzen Rest des Tages in einer ahnungsvollen Sorge und Angst, die sich als gerechtfertigt erwies, sobald nämlich — es war gegen 10 Uhr — der Justizrath Werner in höchster Aufregung in dem Stillfried'schen Hause erschien und, nachdem er sich der ungc- köhnlichen Stunde halber bei der Dame hatte melden lassen, ^gelassen wurde und' ihr darauf das Geschehene erzählte.
Der ganze Anschlag gegen Eugen, von dem übrigens die Mutter keine Ahnung hatte, war vollständig verunglückt; denn man nach dem jungen Manne in seiner Wohnung ge- icht, war er verschwunden, und, was den Justizrath am mei- K beunruhigte und in Sorgen versetzte, der getreue Pierrot ^bt ihm, der doch so gemessene Befehle erhalten hatte, nicht 1 Stadt, ja, nicht einmal die Wohnung seines Herrn zu »erlassen.
Da, zum ersten Mal seit längerer Zeit, so wie auch einige ZE später wegen der ähnlichen Veranlassung, hatte die Staatsräthin mit dem Herrn Werner mehrere ziemlich leb- We, ja, heftige Unterredungen, in deren Verlauf sie ihn gar ^schuldigte, daß er, wie es scheine, sein Möglichstes thue, den vha von der Mutter gewaltsam zu entfernen, unter dem Strande, jene Papiere zu erlangen. Das war nun an sich
auch vollkommen richtig; doch bemühte sich der Justizrath begreiflicher Weise, der Staatsräthin jene Gedanken auszureden, indem er ihr versicherte, cs sei durchaus nicht glaubwürdig, daß Eugeu ernstlich im Sinne gehabt, ihr einen Theil jener Papiere in die Hand zu geben. Doch wenn die Mutter auch am Ende dieser Behauptung gegenüber still schwieg, so glauben wir doch annehmen zu können, daß sie bei jener Unterredung in dem offenen, ehrlichen Auge ihres Sohnes nicht eine Spur von Falschheit entdeckt hat, und daß sie auch heute noch seinem Versprechen mehr glaubte, als den Worten deS Justizrathes.
Als dieser sie nun eines Abends verlassen, blieb sie noch einen guten Theil der Nacht in ihrem kleinen Lehnstuhl in der Fensterecke sitzen, hielt den Kopf in die Hand gestützt und dachte eifrigst au vergangene Zeiten, wohl auch zuweilen an die Zukunft. Bei den letzteren Gedanken verfinsterte sich ihr Gesicht und sah eine Zeit lang gehässig, menschenfeindlich aus. Sie sprang in solchen Momenten auf und eilte mit raschen Schritten durch das Zimmer. Plötzlich aber, während sie so heftig auf und nieder ging, konnten sich ihre Züge mit Einem Male aufhellen, ihr Blick wurde alsdann freundlich, ja, ein leichtes Lächeln spielte um ihren Mund, und dann konnte sie plötzlich stehen bleiben und sich selbst fragen: „Und warum nicht?" Auch schienen die freundlichen Bilder, die auf diese Art ihre Seele beschäftigen, häufiger wieder zu kehren, und unter dem Einflüsse derselben begab sie sich endlich zur Ruhe. Wir glauben annehmen zu können, daß die alte Dame seit langen Jahren zum ersten Male wieder freundliche und angenehme Träume hatte, und wenn auch zuweilen ein finsteres Bild hindurch schritt, so war es ein Gedanke an das, was an jenem Abend mit ihrem Sohne geschehen, von dem sie durch ihren Diener genaue Kunde erhielt.
Am Morgen nach jenem Vorfälle hatte sie den alten Jakob zeitig zu sich heraufkommen lassen und ihm den Befehl ertheilt, sich augenblicklich nach den näheren Umständen jenes traurigen Vorfalles vom gestrigen Abend zu erkundigen. Doch wußte der alte Diener diesen bereits bis iu die kleinsten Einzelheiten, und in der Küche hatte man schon vom frühen Morgen an debattirt und berathschlagt, aus welche Weise es
