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Der Wanderer.

Nr. «4».

Acltetristisches Beiblatt jur

Allgemeinen Zeitnng.

Mittwoch den 20. Vetobee

F«»S.

Vas verlassene Haus.

Erzählung von Ed. Höfer.

(Fortsetzung.)

Ein zweites Zimmerchcn führt uns endlich in eine größere Stube nach vorn heraus. Hier zeigt sich ein einfaches- gar­nicht aristokratisches Mobilar. An der Wand hängen einige schlechte Bilder in braunen Rahmen, die unausbleiblichen Hel­den Laudon, Seydlitz, der alte Fritz; eine verrostete Büchse, Hirschfänger, Pulverhörner, Jagdtaschen, Hetzpeitschen, ein Waldhorn. Auf dem Tisch neben dem braunen Kaffeegeschirr liegt ein angefangener, jetzt in Staub zerfallender Strumpf, die stählernen Stäbchen dabei im irregulären Viereck. End­lich in einem nahe dem Fenster stehenden Schrank erblickt M einige Gläser und Tassen und ein silbernes Becherchen, dm Preis vielleicht eines Meisterschusses. Oben hinter dem ausgeschnitzten Rande stehen die Ueberbleibsel von ausgestopf- tm Vögeln, und auf dem Brett über der Thür sind neben dcr Pudelmütze Bibel und Gesangbuch in schwarzen, abge- icheuerten Lederbänden. Nur die Menschen fehlen.

Wir nehmen die Bibel herab und schlagen sie auf, denn M den vorgebundenen weißen Blättern pflegte man sonst die Fainilien-Chronik zu schreiben. Da steht sie denn auch. Das H ein altes, ehrenfestes Jägergeschlecht, das hier gehaust ichon vor dem dreißigjährigen Kriege. Allein wir überschlagen die ersten Blätter und bleiben bei den letzten Seiten stehen, es denn nun folgendermaßen lautet:

»1744. Auf Bartholomäi starb mein Vater, Hans Chrfl

Und hat mich der Herr Graf, so gerade dahier prä- ^ü war, alsogleich als Nachfolger desselben und als Ober- Mster in seinem Dienst beschäftigt. Hans Conrad Ducker."

»1752. Auf St. Fabian hab' ich mein Weib heimgeführt, w Gertrude Marie Steinfurtin, des Bauern Slcinfurt Toch-

War ich also auf besagten Tag 31 Jahre alt, und mein âib, die Gertrude Marie, wird auf St. Brigitten neunzehn. ^Un bin ich sehr froh. Gott woll' es Alles zum Besten- ^. Amen."

»1753. Auf Petri Kettenfeier ward mir mein erster âge geboren, soll Hans Christoph heißen. Gott lass' ihn

werden recht und schlicht." Dabei ein Kreuz und:Ist gestorben auf sieben Brüder anno 1755."

1755. Auf Mariä Verkündigung ist mein zweiter Sohn geboren. Dessen bin ich sehr froh. Gott gebe Gutes. Soll heißen Peter Michael nach meinem Bruder sel." Dabei ein Kreuz und:Ist gestorben auf St. Walpurpis 1757. Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen. Er sei gelobt."

1755. Auf St. Huberti hab' ich einen rechten Meister­schuß gethan und den silbernen Becher gewonnen. Der Herr Graf hat mich belobt vor all den Herren."

1756. Auf St. Annen ist mir ein Töchterlein geboren. Gottes Segen über sie! Soll heißen Gertrude Johanne."

1756. Auf St. Egidien starb mein Weib, die Gertrude Marie, an einem Schuß, so sie im Wald empfangen. Ich will ihr nicht fluchen. Gott wolle ihr und mir ein gnädiger Richter sein." 1771. Starb mein Herr, der alte Graf auf St. Valentin. Folgt ihm der junge Herr Leonhard Jo­seph Franz."

Und das ist das Ganze! Das sind alle Spuren eines reichen, vielleicht wildbelebten Lebens. Lust und Qual, Freude und Kummer, christliche Fassung und dumpfer Zorn alles das leuchtet hervor aus den vergelbten, rauhen Zeiten, und nun ist's hin. Welche Freude des jungen Ehemanns, welch' Glück des jungen Vaters! Wie zitterte diese Hand, wie bebte das Gemüth, als das.Kreuz bei den Namen der theueren Kleinen gezeichnet wurde! Und dann jene dürftige, trockene Notiz über den Tod der Frau. Was heißt das? Ist da Mord gewesen? Was hat ihn herbeigefüht? Die wenigen Worte greifen tiefer an's Herz, zeigen ein entsetzliches Unheil, drohender, schrecklicher als ganze Seiten eines leeren Geschwätz, einer albernen Beschreibung.

Wenn du sprechen könntest, altes Haus, wenn ihr reden könntet, ihr alten erblindeten Spiegel! Was habt ihr für Blicke gesehen, was für Meden vernommen! Und das letzte Unheil, welches ihr belauscht, das letzte, von dem keine Kunde zu uns gelangt ist? Was war es denn, was diese furchtbare Zerstörung bewirkte? Was hat diesen Boden beschmutzt, was hat die Bewohner hinweggenommen, mitten aus ihrer Häus-