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Ar. »45.
Sonntag den 17. October
esLS.
Aas verlassene Haus.
Erzählung von Ed. Höfer.
Es ist nur ein einsamer Fußsteig, ganz schmal durch ein wellenförmig Land. Eine lange Stunde geht er durch Wiesen, tonn durch ein prächtiges Holz und windet sich wieder durch üppige Kornfelder. Um sich scheu kann man nirgends wccki die Wiesen liegen zwischen Hügeln, der Wald ist dicht und M, die Halme stehen höher als die Fußgänger. Die den Weg betreten, sehen sich auch nicht um; das geht emsig fürder zur Stadt und kehrt eilig heimwärts zum Dorf. Von den Städtern mag da lange keiner gegangen sein.
Im Holz ist ein grüner Platz, wo Bäume und Gesträuch etwas zurückgetreten, aber von oben überwölben ihn fast die breiten Kronen. Den Boden decken Gras und allerlei Blu Wn und Kräuter ungestört und üppig, und der Pfad geht slhars begränzt hindurch, daß man bald erkennt, wie hier Kefl »er von ihm abweicht. Links im Grunde steht kaum sichtbar ein vermorschter hölzerner Wegweiser. Der Epheu hat sich bcrumgeschlungen bis hoch oben und mit seinen Ranken zwei Anne umsponnen, daß es aussieht fast wie ein großes grünes Kreuz. Und die da Vorbeigehen, sind lang schon abgewichen bom alten Glauben, aber das Kreuz grüßen sie Alle und gc- ^" hastig vorüber, ohne sich umzusehen, und die munterste bilde erstirbt.
Da soll vordem ein Weg gewesen sein bis tief ins Holz, llber er ist verwachsen und kein Meusch weiß mehr von ihm- ^lr prächtige Forst ist so dicht und alt, wie kaxm einer in Ätschen Landen, aber benutzt wird er nicht, denn er gehörte ^i»em, der vor langen Jahren ins Land ging und verschollen und seine Mutter hat einen schweren Fluch gesprochen über ^ Hvlz, und die alte Familie, die dasselbe noch immer be- W läßt es unberührt. Es geht auch Niemand hinein, denn ’ie ^ dort zu Lande noch abergläubisch und meinen, es spuke den grünen Räumen.
Aber komm nur immer mit mir hinein in die dämmern- en Tiefen! Ich sage dir, cs spaziert sich so hübsch unter .^ bändigen Dach, in der schimmernden lauschigen Einsam-
Die Sonne wirft grüne, zitternde Lichter, der Morgen- Astert hoch oben in den alten Wipfeln, die Stauden
schwanken, Epheu und Gcisblatt klettern lustig empor zum Licht. Der Pirol und die Amsel rufen melancholisch herab aus den blühenden Kirschbäumen, das Klopfen des Spechtes schallt laut durch die Einsamkeit. Die Waldveilchen nicken träumerisch im Moos neben den Maiblumen und hurtige Eidechsen schlüpfen durch die Erdbeerblüthen. Hier ging seit lange fein Mensch ; kein Weg ist zu sehen.
Und doch! seht ihr dort, wo die schlanken Haselstaude» aufgeschossen sind, da ist ein kleiner leerer Fleck, und da zeigen sich noch Geleise. Das Moos ist dicht darüber gewachsen, aber die Spur hat es doch nicht ganz geebnet. Hier also sind Wagen gegangen vor langer Zeit! Ihre Räder schnitten so tief in in den-Boden, daß die Wunden noch immer nicht verharrscht sind. Hier sind Menschen gewesen, aber wo sind sie hin.
Von jetzt an ist das Fortschrciten nicht mehr so leicht trockenes Laub und dürre Zweige hemmen den Fuß; wirr und wild heben und verschränken sich die Stauden und gleich festen Gittern spannen sich die Ranken hinüber und herüber, schier unentwirrbar. Eine gewaltige Eiche liegt mitten sunter den grünen Sprossen, und eine andere neigt sich tief darüber und der Tod sitzt in ihren Zweigen. Ob ein Sturm sie so gebeugt, ob die gefallene sic mit sich gezogen im wilden Sturzß Ich weiß eS nicht; aber man erzählt wohl, daß die Bäume auch ein gewisses Leben und Gefühl haben, und nicht allein für sich, sondern daß sie mit einem andern Baum in Liebe von Jugend auf vereinigt seien. Wenn dann der eine von ihnen stürzt, macht's der andere auch nicht mehr lange. Da beugt er sich über den Verlorenen tiefer und tiefer, denn er kann ihn nicht vergessen, ■ ihm nicht entsagen. Die Wurzeln lassen los und er folgt ihm nach zu einer neuen Ver» Einigung.
Aber der Wald streckt sich noch immer dicht und grün und unwegsam. Ein Reh blickt schüchtern durch die Büsche, die großen sammtweichen Augen schauen dich verwundert an, dann springt cs scheu zurück, und rings ist es still. Kein Specht klopft, keine Amsel flötet, kein Käfer summt; selbst der Wind schweigt und die Bäume stchen regungslos. Hier scheint in der That der Fluch zu herrschen.
