Der Wanderer.
Deiblatt Mr Nassauischen Allgemeinen Mung.
Nr, »44.
Samstag den 16. Gctobee
485»,
Eugen Stillfried.
Von F. W. Hackländer.
(Fortsetzung.)
Vor den Augen unserer Wanderer that sich aber jetzt im Strahle der Abendsonne ein wunderliebliches Bild auf. Es war, als habe die Natur sich am Ende selbst gelangweilt bei Erschaffung der, wenn gleich sehr fruchtbaren, doch ermüdend einförmigen Hochebene, die sich meilenweit nach allen Seiten ausdehnte, und als habe sie jetzt in ihrer köstlichen Laune daran ein weites Thal gewirkt, ganz voller Lieblichkeit und Anmuth.
Unsere Reisenden standen am Abhange der Ebene, und der breite Fahrweg, auf dem sie bis jetzt gewandelt, mit sei- M langweiligen Karrengeleisen, seiner gleichen, weiß-grauen Farbe, seiner einförmigen Abgranzung von grünen Rasen, mit ângcn bunten Blumen verziert, schien bei dem Anblicke der Gegend zu seinen Füßen plötzlich ein ganz anderer geworden zu sein: voll UeberMuth und Jugendkraft. Er wand sich lustig hin und her, vertiefte sich zum Hohlweg mit steilen Wänden, die bald grün bewachsen waren, bald zackige Felsen zeigten, halb bröckeliges Gestein und Erde, zusammengehalten durch die Wurzeln mächtiger Bäume, welche hoch über ihm ein Laubdach bildeten, während unten diese Wurzeln selbst, phantastisch verschlungen, dem Auge des Dahinwandelnden die angenehmste Abwechselung boten.
Hie und da verflachten sich die Wände des Hohlweges auf kurze Zeit, und das geschah immer an solchen Stellen, 110 er sich im tollen Uebermnthe plötzlich rechts oder links sandte, oder wo er eilig und lustig niedersteigend sich um die Felszacken wand, als wolle er selbst seinen raschen Lauf zügeln.
An solchen Stellen nun zeigte sich vor den Augen unserer Zenden das vor ihnen liegende Thal in seiner ganzen Fracht und Herrlichkeit. Eugen hatte vorhin richtig geahnt, ^urt unten schlängelte sich ein kleiner Fluß; hier, wo die 'ciden Thalwände enger zusammenstanden und wo das Was- scr Don der Hochebene mit raschem Falle herunterstürzte, trieb
Mühlen und Fabrikwerke. Weiter hin wurde das Thal 'unner weiter und breiter, und da liefen die Wellen des klei
nen Flusses ruhiger und eilten lustig dem flachen Lande zu; aber von der Höhe sah man noch lange, lange die Krümmungen desselben, besonders jetzt, wo der röthlich schimmernde Strahl der Abendsonne darauf lag und der kleine Fluß zwi- scken den grünen Wiesen sich dorthin wie eine goldne Schlange ringelte.
Das große Dorf oder kleine Städtchen, der Bestimmungsort unserer Reisenden, lag dicht an dem Fuße des Berges geschmiegt. Aus seiner linken Seite stand auf der sanft ansteigenden Thalwand eines der reizendsten alten Schlösser, die man sehen konnte. Es war ein mittelalterliches Gebäude, aber, wie cs schien, aufs sorgfältigste rcstaurirt mit zackigen Zinnen, einem hohen Thurme, vielen kleinen Erkern und Nebengebäuden, mit der freiesten Phantasie zusammengestellt, oder wie die damaligen Verhältnisse gerade einen Nebenbau bedingten. Alles das durch Terassen und Brücken mit einander verbunden und so ein wahrhaft malerisch schönes Ganzes bildend.
Als die Wanderer dieses Schlosses zum ersten Mal ansichtig wurden, blieb der Schauspiel-Director einen Augenblick stehen, fuhr mit der Hand über das Gesicht und sagte: Ich habe so gewisse Gegenden, verschiedene Städte, zwischen denen ich Jahr aus , Jahr ein herumziehc. Dem Orte da unten war eigentlich für jetzt noch kein Besuch zugedacht; Trommler brachte mich auf die Idee, und es ist mir jetzt lieb, daß es so gekommen ist, einestheils, weil ich Euch, Ihr Herren, auf dem Wege dahin gefunden, und zweitens, weil ich gar gern hieher gehe. Der Ort da unten hat für mich immer etwas Gutes gehabt, der Aufenthalt dort Mir etwas Angenehmes gebracht. Das sind nun schon lange Jahre, seit ich znm ersten Male hier war. Damals war das Schloß noch in vollem Glanze, d. h. es wurde von der gräflichen Familie, der cs angehört, selbst bewohnt, und das war auch eine gute Zeit für unser einen. Da wurden wir wöchentlich ein oder zwei Mal eingeladen, im Schlosse selbst unsere Vorstellungen zu geben. Es befindet sich dort ein ganz scharmant eingerichtetes kleines Theater. Die Gräfin/ die Gemahlin des Besitzers protegirte uns, und wenn wir abzogen, erhielten wir gewöhnlich noch ein Geschenk, das meistens unseren Verzehrnngskosten
