Deiblatt W
Allgemim Zeitung.
Jr. *as. Samstag den 9. Gctvber isrs
Engen Stillfried.
Von F. W. Hackländer.
(Fortsetzung.)
Zwölftes Capitel.
Worin der geneigte Leser von dem Erzähler dieser Geschichte rmnlaßt wird, eine kleine Fußreise zu machen, auf welcher er mit seltsamen Charakteren zusammen trifft und endlich ein gutes Nachtlager findet.
In einem kleinen Städtchen, vom früheren Schauplatz mserer Geschichte jenseits der Grenze, war ein Gasthof, wenn wir nicht irren, „Zum goldenen Bären" genannt. Doch thut hier der Name nichts zur Sache, denn für uns kommt nur der Gasthof als solcher in Betracht, und hier war am anderen Morgen nach seiner Flucht aus der Stadt Eugen Stillfried angelaugt mit seinem Rath, dem getreuen Pierret und Sultan, dem Neufundländer. Eugen beschloß, sich hier eine Zeit lang aufzuhalten, vor allen Dingen um Nachricht aus der Stadt abzuwarten über das Befinden seines Gegners, den er zu Boden geschlagen, namentlich aber von Katharine, die er in einem Schreiben von Allem in Kenntniß setzte und Ile bat, mit wenigen Worten sagen zu wollen, wie er sich im Allgemeinen, besonders aber ihr gegenüber verhalten solle. Da es ihm nicht râthlich erschien', das Schreiben dem Postamt zu vertrauen, so wurde Joseph dazu ausersehen, den ^ief nach der Stadt zu bringen, um dort seine Erkundigun- üw einzuziehen und wo möglich eine Antwort von Katharine $ erhalten.
Der getreue Diener reiste auch in der nächsten Nacht wieder nach der Stadt zurück; doch glauben wir annehmen N können, daß er nicht den Muth hatte, sich in der Nähe dcs Marktplatzes lange umher zu treiben, oder im Fall der Noth der Madame Schilder einen Besuch zu machen, ihr den âief zu geben und auf Antwort zu warten; oder wenn er es doch gethan, so sind wir wohl berechtigt, zu glauben, daß W würdige Frau den Brief unterschlug oder ihn sogar dem
Konrad Schoppelmann einhändigte; genug, obgleich Mrrot zwei Tage fortblieb, so brachte er doch von Katharine ^Antwort zurück, wohl aber die Nachricht, daß sich Fritz, et Ehrmann, ziemlich außer Gefahr befinde, und daß, wenn
er auch einige Wochen das Bett hüten müsse, für sein Leben durchaus keine Gefahr sei.
Eugen gab sich mit dieser Botschaft nicht zufrieden, er wollte anfänglich selbst hinüber; doch gab Herr Sidel hierzu unter keiner Bedingung seine Einwilligung; ja in Folge der Unterredung hierüber entschloß er sich, obgleich widerstrebend, selbst nach der Residenz zurück zu gehen, dort zu erforschen, wie die Sachen ständen, namentlich aber den Versuch zu machen, ob es möglich sei, Katharinen zu sehen und zu sprechen.
Der lustige Rath reiste auch wirklich ab, kehrte aber eben so unverrichteter Dinge zurück, wie Joseph. Durch seine Bekanntschaften im musicalischen Hause hätte es ihm nicht schwer werden sollen, indem er sich dort aufhielt', die Aufmerksamkeit des gegenüber wohnenden jungen Mädchens auf sich zu ziehen. Er behauptete aber bei seiner Zurückkunft, in dieser Richtung alles Mögliche gethan zu haben; ja er setzte hinzu, Katharine müsse ihn gesehen haben, sei ihm aber durchaus nicht gewillt erschienen, in irgend eine Unterhandlung mit ihm zu treten.
Wenn wir uns erinnerrtt, daß Herr Sidel von jeher nicht geneigt war, das Verhältniß seines jungen Freundes zu jenem Mädchen zu billigen, noch viel weniger aber dasselbe auf irgend eine Art zu unterstützen, so können wir wohl annehmen, daß er sich in dieser Sache, obwohl in der besten Absicht, eine Unwahrheit zu Schulden kommen ließ. Er sah in jener Liebe durchaus nichts Ersprießliches für seinen Freund; ihm schien cs überhaupt für die ganze Zukunft Eugen's besser, wenn es ihm möglich würde, denselben für eine Zeit lang ans dem Leben und Treiben jener Stadt zu entfernen. Herr Sidel ahnte nicht, wie theuer Katharine dem Herzen seines Freundes wirklich war, er hielt diese Geschichte, wie so manche frühere ähnliche für vorübergehend. Nebenbei hatte Eugen seinem Vertrauten leider nichts von der Unterredung mit der Staats- räthin gesagt, und Herr Sidel, dem Alles daran gelegen war, Mutter und Sohn zu vereinigen, glaubte, daß zu diesem Zwecke eine Entfernung sehr heilsam sei.
Die Staatsräthin erfuhr alsdann nicht Geschichten von ihrem Sohne, auf's gehässigste verdreht, unendlich vergrößert
