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Der Wanderer.

Beiblatt M Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

Jr. sro Donnerstag den 7. Getoder iss®.

Eugen StiUfried.

Bou F. W. Hackländer.

(Fortsetzung.)

Jungfer Clementine Strebeling, die, wie wir wissen, oben am offenen Fenster saß, war Augen- und Ohrenzeuge gewe- feil von der ganzen Strafverhaudlnng, die sich unten begab. Sie hatte sich beim Beginne derselben kluger Weise etwas zurückgezogen und sich so verdeckt aufgestellt, daß keiner der beiden Bruder da drunten die Zuschauerin gewahr werden konnte. In diesem Falle nämlich waren die Herren Schop- Pelmann außerordentlich zarten Gemüthes und hatten in frühe­ren Zeiten schon beinahe einmal ihre Schwester Katharine mißhandelt, die zufällig einer ähnlichen Scene beigewohnt.

Trotzdem Clementine, wie dem geneigten Leser bekannt ist, ein so zartes Gemüth hatte, daß eine kranke Fliege ihr höch- ßes Mitgefühl in Anspruch nahm, so konnte sie doch hier nachdem sie sich vom ersten Schrecken erholt, nicht umhin, mit einer wahren Beruhigung und Genugthuung dem Strafamt der gestrengen Mutter zuzuschauen. Die beiden Brüder hat­ten lhr, der schüchternen Jungfrau, schon manches Herzleid nngethan, und von Katharine hatte sie erfahren, wie sie das Mie Mädchen, das gezwungen war, in ihrem Zimmer zu verweilen, mit ihren ungezogenen Redensarten gequält. Auch 7 sie in dem Act, der so eben drunten vollzogen wurde, eine Art göttlichen Strafgerichts, wenn sie an den armen Herrn Eugen dachte, gegen welchen die beiden Brüder da Lunten sich aufs schändlichste benommen hatten. Clementine batte in der Tiefe ihres Herzens nur den Wunsch, daß auch ^ Fuhrmann seinen Theil erhalten möge, was aber, wie bereits wissen, dieses Mal nicht geschah.

Katharine in ihrem Winkel hinter der Thür hatte nicht sobald den Spectakel drünten vernommen, als sie erschrocken in bie Höhe fuhr und Jungfer Strebeling bat, das Fenster zu fließen. Das junge Mädchen zitterte an dem ganzen Kör- denn sie hatte leider schon zu oft dergleichen Scenen mit Wohnen müssen, und jedesmal hatten dieselben den Stachel vs bittersten Schmerzes, das Bewußtsein eines tiefen Un< EU in ihrer Brust zurückgelassen. Auch jetzt faltete sie die Hande und horchte entsetzt zu, und sie konnte sich erst einiger

Maßen wieder beruhigen, als ihr endlich Jungfer Clementine mittheilte, ihre Mutter habe das Zimmer der beiden Brüder verlassen.

Katharine, welche bester, als Madame Schoppelmann selbst, den bösen und wilden Charakter der beiden Brüder kannte, fürchtete und wohl nicht mit Unrecht, daß aus einem solchen Auftritte doch einmal das größte Unglück ent­stehen müßte; denn wenn die Mutter einmal in ihrem Zorne zu weit ginge und durch irgend etwas die Herrschaft, deren Kraft in der Macht der Gewohnheit, in Worten und Blicken der alten Frau lag, verlor, so konnte etwas Entsetzliches ge­schehen.

Endlich war es drunten wieder ruhig geworden, und Cle­mentine setzte sich neben das junge Mädchen, nahm dessen beide Hände und schaute tief betrübt in die dunkeln, thränenerfüll- ten Augen.

Das ist ein trostloses Leben! sagte Katharine und blickte gen Himmel; und ich sehe gar kein Ende, keinen Ausweg. Gott sei mir gnädig!

Nur nicht verzweifeln, mein liebes Herz! bat Clementine, nur den Mnth nicht verlieren! Auf Regen folgt Sonnenschein, das ist ein altes und wahres Sprüchwort.

Katharine schüttelte mit dem Kopfe. Mir hat die Sonne in der letzten Zeit zu glänzend geschienen, sagte sie nach einer Panse; ich habe zu viel Glück gehabt, ich war zu selig, und das muß ich nun durch langen Kummen abbüßen.

Es geht gewiß vorüber entgegnete, Jungfer Strebeling; nur den Muth nicht verlieren! O lieber Gott! wenn ich Al­les so genau wüßte, wie Sie noch an dem Altar zu sehen mit dem Herrn Eugeni Ihnen geht's gewiß noch sehr gut, mein Herz; denn das ist gar nicht anders möglich. Bei all dem Kummer, den Sie jetzt haben, find und bleiben Sie doch ein Glückskind; Sie sind nicht wie andere arme Menschen, denen Alles in dieser Welt fehlschlägt. Dabei seufzte die alte Jungfer aus tiefstem Herzen.

Eigentlich ist es wahr, sagte Katharine; wir können ein­ander trösten; Sie haben das gleiche Schicksal wie ich.

O, noch viel schlimmer! entgegnete Clementine; ich bin eine armselige Creatur, ich tauge gar nicht für das Leben.