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Der Wanderer.

Är. SLS

Deiblatt mr

Zeitung

Samstag den 2. Oktober

ISM.

Eugen Stiltsried.

Bon F. W. Hackländer.

(Fortsetzung.)

So zieht die ganze Menge bei uns vorüber, lachend, plaudernd und schreiend, die Töne der Musik nachâffend, und wir, die wir diesem Strome entgegen kommen, wir drücken uns in eine Thürvertiefung, um nicht mit fortgerissen zu werden.

Dorthin zieht die Militärmusik; wir wenden ihr den Rücken, lassen die neueren, helleren Stadtviertel hinter uns liegen und steigen zu dem Marktplatze hinab, der heute in sonntäglicher Feier und Stille daliegt, und auf welchem die heiße Mittags- sonne gewaltig herrscht. Hier ist es schon um diese Zeit ruhi­ger. Der Bürger und Handwerker, der hier wohnt, hat sein Mittagsbrod schon längst verzehrt und gedenkt die heißen Ta­gesstunden im kühlen Zimmer zu bleibe», oder er rüstet sich, Mi mit Weib und Kind einen Ausflug zu machen und etwa auf einem benachbarten Dorfe nach ausgestandener Hitze und reichlich genossenem Staube auf der Chaussee sich einen mit­telmäßigen Kaffee für theures Geld anzuschaffcn.

Wir lassen den Marktplatz ebenfalls hinter uns und ge­hen bis zu dem Hause mit der Grasenkrone. Das Thor steht Mn, und die Mittagsstunde, so wie der Feiertag haben eine tiefe Stille über den sonst so lebendigen Hof verbreitet. Ma­dame Schoppelmann hielt diesen Ruhetag außerordentlich hoch, und von ihrer Seite geschah Alles, daß derselbe, so weit die Kränzen ihres Hauses reichten, durch keinen unnöthigen Spec- takel gestört und somit entheiligt würde. Zu diesem Zwecke wurden die sonst so lärmenden Thiere: Ferkel und Hunde, Hunte in ihren Ställen gehalten, und. selbst dem Haushahn ^uurden nur Nachmittags ein paar Stunden vergönnt, seine Damen in freier Luft spaziren zu führen.

An einem solch' hellen, sonnigen Tage, namentlich wenn Mn von dem blendenden Marktplatze her herein kam, war Ie Vorhalle oder das Wohnzimmer der dicken Gemüsehänd- crin ein sehr trübseliger, trauriger Aufenthalt. Ja, man Ulnßte seine Augen erst an das hier herrschende Dunkel ge- ^ohncn, um nur die Gegenstände einigermaßen unterscheiden iu können.

Sobald wir dies nun ebenfalls gethan, sehen wir Ma­dame Schoppelmann auf ihrem gewöhnlichen Platze neben dem niedrigen, rußigen Heerde sitzen, aus welchem — wie fast zu jeder Tages - und Jahreszeit — ein mächtiges Feuer lo­derte. Die Frau war sonntäglich angezogen, ihr Kleid von dunklem Kattun, und dazu hatte sie auf dem Kopfe eine Haube mit langen himmelblauen Bändern. Dieser Anzug wurde durch eine weiße Schürze vervollständigt — ein großer Luxusartikel, den sich die .Gemüsehändlerin nur an Sonn- und Feiertagen erlaubte. Sie saß auf ihrem starken Eichen­holzstuhle, sehr vornüber gebeugt, und hatte die beiden Arme auf ihre Kniee gestemmt. Vor ihr befand sich Jungfer Cle­mentine Strebeling in weißem Kleide, mit einer hellblauen, ziemlich coquetten Schürze, und sie hatte sich auf einen Stuhl so weit von der Madame Schoppelmann und dem Feuer nie- dergelasseu, daß jene sie im Eifer des Gesprächs nicht auf die Schulter klopfen könnte, wie sie gern zu thun pflegte, und daß dieses mit seinem Rauche weder dem weißen Kleide^ noch dem Teint der alten Jungfer Schaden brächte.

Die Unterhaltung der Beiden mußte einen Augenblick ge­ruht haben, und die Gemüsehändlerin schien eifrigst über etwas vachzudenken.

Nach einer längeren Pause stützte sie ihr Kinn in die Hand und sagte: Strebeling, nehm' Sie mir's nicht übel, aber Sie sollte doch mit Ihrem Gelde nicht gar so großartig umgehen. Meint Sie denn, so ein Capital sei uicht zu er­schöpfen. Und wenn mir auch Ihr gutes Herz wohl gefällt, wenn ich auch begreife, daß Sie arme Verwandte, die sich in Noth befinden, gern unterstützt, so muß das doch mit Maß und Ziel geschehen. Hat Sie mir nicht gesagt, erst vor acht Tagen habe Sie Ihrem Vetter vierhundert Gulden geschickt? Nun ja, das ist aller Ehren werth, damit kann er wohl eine Zeit lang zufrieden sein.

O du lieber Gott! seufzte Clementine.

Ja, was lieber Gott! fuhr die alte Frau fort; du lieber Gott! sagt Sie immer und thut doch, was Sie will, ohne meine gutgemeinten Ermahnungen nur im Geringsten zu be­folgen. Ich habe doch Recht in den meisten Dingen.

O lieber Gotti lv- Klementine abermals.