- Der Wanderer.
Jr. 3»7.
Beiblatt;ar
Allgemeinen Zciiang.
Sonntag den 26. September
/m,
Eugen Stillfried.
Von F. W. Hackländer.
(Fortsetzung.)
Unter vielen Sachen, welche die Menschen erfunden und eingerichtet haben, um sich gegenseitig zu langweilen und beziehungsweise sich das Leben sauer zu machen, stehen Höflichkeits-Besuche unbedingt oben an. Wir meinen natürlicher Weise nur solche Visiten, wo Beide, der Besucher und der Besuchtwerdende, außerordentlich froh sind, wenn sie dieses Geschäft mit einer Visitenkarte abmachen können. Aber unter allen dergleichen Zeitverschwendungs - Gängen sind für beide Theile die unbehaglichsten und zeitraubendsten die so genannte!! Digestions - oder Verdauungs-Visiten, der Dank für ein genossenes Diner, ein Souper oder eine Soiree mit oder ohne Tanz. Man versäumt ja dergleichen so leicht und gewiß ohne hie Absicht, dem Gastgeber eine Unhöflichkeit damit zu bezeugen. Man ist hingegangen, weil man eingeladen war, man hat an den Wänden umhergestanden, man war in Verzweiflung wegen zu enger Stiefel und wegen seines Hutes, den man sorgfältig neben' der Thür unter den kleinen Tisch gestellt, nicht beachtend, daß der kleine Tisch zum Spielen gebraucht und der Hut von dem herrichtenden Bedienten zu zweihundert anderen Kopfbedeckungen in ein entlegenes Hiulerzimmer verwiesen Mulde. Man hat ihn endlich gefunden, man schleicht sich Mnauâ, und wenn man das Glück hat, nicht an der äußeren Thur der Hausfrau zu begegnen, oder ihm, dem an einem solchen Abende sehr geplagten Ehemanne, so gelangt man un- MtSefochten auf die Straße, nach Hause und iu's Bett. Das Mare einmal wieder abgemacht; man ist wieder ein freier ^cusch, man hat vor der Hand keine weiteren Verbiudlichkei- H man denkt nicht weiter an den genossenen Abend, bis man weicht in einer Woche später einem Bekannten begegnet. Apropos! sagt dieser, warst du schon bei der Frau von C. ? 'Hast tu der L. deinen Besuch schon gemacht? — Noch nicht. " Aber es ist Zeit; gehe bald hin, man sieht in dem Hause genau darauf. Der Bekannte hat Recht; dieser noth- Meudige Besuch, der dir am ersten Tage nach dieser Begeg- "^3 eine Kleinigkeit zu sein scheint, die man leicht abschüt
teln kann, wird immer schwerer, je weiter du ihn hinaus schiebst, und endlich sitzt er dir wie ein hohnlachender Alp auf der Brust. Du bist Geschäftsmann, deine Morgen sind dir kostbar; du hast überhaupt nur ein paar in der Woche, wo du dich losmachen kannst, und gerade an solchen, wenn du bereits ungezogen bist, und den Hut in der Hand hast, gibt ein Besuch dem anderen die Thür in die Hand. Und das sind keine Visiten, die dich plagen; es sind lauter Geschäftsfreunde; und wenn auch Jeder sieht, daß du eilig bist, und sich so kurz wie möglich faßt: eS hilft Alles nichts. Die Minuten jagen sich mit unendlicher Geschwindigkeit. Es schlägt zwölf Uhr, ein Viertel, halb, und mit dem Schlage ein Uhr ist, wie nächtlich um dieselbe Stunde für die Geister) jetzt mittägsich für dich die Zeit, zu besuchen, vorbei.
Du kannst deinen Hut in die Ecke werfen, und wenn du Nachmittags zufällig der Frau von C. begegnest, so hustet sie bedeutsam, während sie für deinen Gruß flüchtig dankt, oder sie sieht ihre Schwester, die neben ihr geht, zufällig an; auch kann cs dir sogar passiren, daß, wenn dn vierzehn Tage gewartet hast, sie sich in dem Augenblicke, wo du den Hut ziehst, herumdreht und zu ihrem Manne sagt: Das schöne Wetter ist schon vorbei, dort ziehen Wolken auf.
Wenn man in Abstattung von Visiten wirkliches Unglück hat, so kann man der wohlwollendste und höflichste Mensch von der Welt sein, man wird unter Umständen doch für einen Grobian gehalten. Hat man nun endlich Alles auf die Seite geschoben und stürzt auf die Straße, den lange verschobenen Besuch endlich zu machen, so ist man vielleicht in Gedanken und sieht nicht, daß dort, keine zehn Schritte von uns, das fragliche Ehepaar vorübergeht. Man rennt nach dessen Hause, man athmet freudig auf, als einem der Bediente sagt: Die Herrschaften sind ausgegangen. Man nimmt mit der größten Beruhigung zwei Karten, kneift mit wahrer Befriedigung ein Ohr hinein und gibt sie dem Bedienten, während man unendlich bedauert, Niemanden zu Hause gefunden zu haben.
Gegen ein Uhr kommen Herr und Frau C. unter einem kleinen Wortwechsel nach Hause. Aber wie kann man so etwas glauben? sagt er. — Du wirst es schon sehen! entgegnet sie. Darauf treten Beide ins Haus, und ehe noch die
