macht hatten, gehörte ein gewisser Gajewski, Edelmann, und zur Zeit der obenerwähnten Conföderation Stellvertreter bei der reitenbeu Nationalgarde, der ein kleines Vorwerk bewirthschaftete, das er der Munificenz eines Magnaten zu danken hatte. Obgleich der Mann schon seine achtzig Jahre zählte, konnte er doch noch immer für sehr rüstig gelten; er war eine von jenen kurzen und gedrungenen Gestalten, denen die Zeit wenig anhaben kann und die sich in Folge ihrer patriarchalischen Lebensweise lange frisch erhalten.
Getreu der Sitte seiner Väter ging Gajewski an den Wochentagen im leinenen Kittel hinter dem Pfluge her und war Bauer; kam aber der Sonntag oder ein Feiertag, oder hatte er Geschäfte bei seinem hohen Gönner und Wohlthäter, dem Obersten G-, so kehrte er den Edelmann heraus, zog die alten fadenscheinige Uniform, einen blauen Contusch mit himbeerfarbenen Aufschlägen an, setzte die mit Pelz verbremte viereckige Mütze auf's rechte Ohr und schnallte die bügellose Karabele, die so manche Wunde geschlagen, so manche Scharte empfangen hatte, um. Der Oberst liebte den alten Veteranen- ehrte in ihm die Erinnerung an eine thatenreiche Vergangenheit, und sah den ruhigen, fast unterwürfigen Alten gern in seinem Hause. Dieser hatte dadurch denn auch manchen Vortheil; bald kam eine Fuhre Heu auf den Hof, bald wurden ein paar Säcke Getreide, ein Fäßchen Wein oder eine Speckseite abgeladcn, und fehlte cs einmal am Besten, so wurde auch dafür Rath geschafft. Gajewski konnte so oft er wollte und unangemeldet sich seinem Gönner nahen.
Von diesem Vorrechte wollte er einst Gebrauch machen, als der Oberst gerade Gäste bei sich hatte. In seiner Staatsuniform schritt er auf die Thüre des Hausherrn zu, als ihm ein Bedienter den Weg vertrat und ihn bedeutete, er könne den Herrn jetzt nicht sprechen; es seien Gäste da, und er möge nur später wiederkommen.
Ich habe dem Herrn Oberst nur ein paar Worte zu sagen, erwiderte der Alte, und wollte den ihn Aufhaltenden auf die Seite schieben. — Es geht jetzt nicht, Sie hören ja, der Herr hat Gäste. — Aber ich will ja nur einen Augenblick. . . — Unmöglich! — Ich muß .... — Und ich lasse Sie nicht! —
Der Oberst hatte den Wortwechsel gehört und steckte mi( der Frage: „Was gibt's denn da draußen?" den Kopf zur Thüre heraus.
„Sehen Sie nur, gnädiger Herr, zürnte jetzt der Diener, „da sag ich Lem alten Herrn, er könne Sie jetzt nicht sprechen; der aber nimmt davon gar keine Notiz und will durchaus hinein."
Der Oberst, unwillig, sich in seiner Unterhaltung gestört zu sehen, runzelte die Stirn und rief zornig: „Ach was, ich
habe jetzt keine Zeit; der Alte soll mich ungeschoren lassen.' Mit diesen Worten schlug er die Thüre hinter sich zu.
Das war der Dienerschaft, die auf Gajewski, der in» mit einer gewissen Protectormiene auf sie herabsah, einen Zch hatte, Wasser auf die Mühle. Der Alte wurde beim Kragcn genommen und nicht auf die feinste Art in's Freie geschoben
Der Oberst hatte bald den unangenehmen Vorfall vergeh sen und das unterbrochene Gespräch wieder ausgenommen als etwas an das Fenster des Gastzimmer? klopfte. Da Hausherr öffnete und erblickte einen kleinen Bauernknaben der auf den Zehen stand, dem Oberst ein Zettelchen in b« Hand steckte und dann schnell davon lief. Es enthielt sei gende Worte:
Ew. Hochwohlgeboren!
„Nicht meiner nichtssagenden Person, sondern der Uniform wegen, die ich trage und die beschimpft worden ist, sehe ich mich in die Noth Wendigkeit versetzt, von Ew. Hochwohlgeboren sofort Genugthungji verlangen. Ich warte an der Mühle hinter dem Dorfe."
Dero untertänigster Diener.
Gaj ew ski.
„N. S. Ich ersuche Ew. Hochwohlgeboren, kein Gefolge weite mitzubringen, denn auch ich habe nur meinen kleinen Burschen bei mir und wünsche überhaupt, daß die Sache in der Stille abgemH werde.
Dem Oberst war die Sache, höchst unangenehm. Nicht daß er einen Gang mit der Klinge gefürchtet hätte, denn« war ein tüchtiger Schläger und hatte zahlreiche Beweise feint? Muthes gegeben; aber cs that ihm wehe, daß er den Alte« in der ersten Hitze beleidigt hatte. Er bat die anwesenden Gäste um Entschuldigung, daß er sie eines wichtigen Geschältes wegen auf einige Augenblicke verlassen müsse, schnallte de« Säbel um und ritt, nur von einem einzigen Kosacken gefolgt nach der Mühle zu. (Schluß folgt.)
Zur Sagesgeschichte.
Eine in Köln am 13. d. M. verübte Mordthat bildet den Geg»' stand des Tagesgespräches. Der Kellner Dumont, vom Dampfboot „Prinz von Preußen", wurde vermißt und kurz nachher bei Fühling" im Rhein gefunden, mit Stichen in der Brust. Seine Mütze M man hier auf der Rheinbrücke gefunden. Man vermuthet, daß er in einem Streite mit Matrosen erstochen und in den Rhein geworfen worden sei. Zwei Matrosen von andern Dampfbooten wurden ver« haftet, von denen Einer dem Andern die Schuld zuschob. Trotz dieser gegenseitigen Beschuldigung ergab es sich aber später, daß beide «»> fraglichen Abend nicht in Köln gewesen seien, worauf man sie entließ. Die Untersuchung wird fortgeführt.
Die letzten Blätter aus New-Jork melden, daß es dem dorti' gen preußischen General-Consul Schmitt gelungen, eine Fabrik preußischer Darlehen-Scheine â 1 Thlr. zu entdecken und aufzuhebe», Die Scheine sollen äußerst täuschend nachgemacht sein.
Verantwortlicher Redacteur: Dr. A. J« K^
Druck und Expedition von Wilhelm Friedrich in Wiesbaden, Langgasse.
