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Ar. «15.

Beiblatt zu Naffauischen Allgemeiiieil Zeitung.

Sonntag den 12 September iss«.

Engen Stillfried

Nach F. W. Hackländer.

(Fortsetzung.)

Unterdessen hatte sich der lustige Rath bestrebt, die Jungfer Clementine so angenehm und nützlich zu unterhalten, wie nur möglich, war aber dabei immer außerordentlich zart und zu- lückhaltend geblieben, wofür ihm die alte Jungfer aufs innigste in ihrem Herzen dankte.

Er hatte gesprochen von Sternen und Blumen in kindlich­ster Einfalt, und Clementine hatte ihm so kindlich gelauscht. Nur einmal, und daüber schauderte sie noch nach acht Tagen, hatte sie in diesem harmlosen Gespräche die Offensive ergrif- fen und ihn gefragt, was eine Lotosblume sei, und darauf hatte sie zitternd gesessen, indem sie gefürchtet, er würde diese Frage zum Anknüpfungspunkte nehmen und darauf von sei- uem Herzen sprechen, das gezittert und gebebt unter der Liebe Macht. — — —

Aber er that es nicht, sondern er bezwang sich auch die- l^ Mal und versicherte mit einem lächelnden Blick, die Lotos­blume sei ein orientalisches Gewächs und ihm nur ans Liedern bekannt.

Aus Liedern , hat er gesagt und dann einen Augenblick geschwiegen? Wie dankte ihm Clementine in ihrem Innern üufs Neue für diese überzarte Ausmerksamkeit! Ja er trieb die Unbefangenheit noch weiter, und als er von der Lotos­blume gesprochen und dann geschwiegen hatte, bückte er sich zu der Erde nieder und zupfte ein harmloses Gänseblümchen, welches er der alten Jungfer mit freundlichem Blicke vor das Auge hielt.

Kennen Sie dies? fragte Herr Siedel.

2a wohl, antwortete Clementine.

Kennen Sie auch das Spiel, das damit getrieben wird?

Das Spiel, das damit getrieben wird? wiederholte Cle- â"tiue, und es fiel ihr plötzlich ein, daß junge naseweise Mädchen die Blätter dieser Blume einzeln abzurupfen Pflegen "Uo dazu allerlei schreckliche Worte sprechen.

blm Gotteswillen I dachte sie, hat er deßhalb nur von Blu- men geredet, um jetzt zuletzt mit der gefährlichen Gänseblume einen Sturm auf mein Herz zu wagen?

Sie kennen das Spiel nicht? fragte Herr Sidel, über alle Möglichkeit unbefangen aussehend.

Ja, ich kenne es, hauchte Clementine hervor.

Die Worte hierzu, fuhr der schreckliche ^junge Mann fort, werden hie und da verschieden gesprochen. Wie sagen die jun­gen Mädchen in hiesiger Stadt?

Die jungen Mädchen, hat er gesagt und hatte dazu die Gänseblume in ihre Hand gelegt? Dieser Augenblick war ent­scheidend , und die fühlende Clementine konnte es nicht über ihr Herz bringen, nachdem er sich auf eine so zarte, blumige Weise ihr genähert, ferner noch die Unempfindliche, die Hart­herzige zu spielen; auch war er ihr bedeutend näher gerückt.

Nun, mein verehrtes Fräulein, sagte der stürmische Mann, so zupfen Sie einmal die Blättchen da ab und lassen Sich prophezeien.

Er liebt mich, sagte erröthend Clementine.

Von Herzen, setzte der luftige Rath hinzu.

Mit Schmerzen, seufzte sie.

Ueber alle Maßen.

Ein klein wenig.

Ach, gar nicht, sagte der lustige Rath ; aber weiter, weiter, es sind nur noch wenige Blättchen da.

Er liebt mich, fuhr Clementine fort.

Von Herzen, sagte er.

Mit Schmerzen, lispelte sie.

Ueber alle Maßen, jauchzte lustig und laut lachend Herr Sidel.

Nun, das ist prächtig, wertheste Jungfrau, setzte er laut hinzu, Sie können zufrieden sein, er liebt Sie über alle Maßen.

O, wenn ich wüßte! seufzte Clementine.

Was?

Daß das Spiel nicht trügt.

O, darüber beruhigen Sie Sich, wiederholte der lustige Rath und unterdrückte mit Mühe sein Lachen. Das kann ich Ihnen versichern, jwenn Sie einmal geliebt werden, so muß es über alle Maßen sein — über alle Schranken, ja, das ist nicht anders möglich. — Wollen Sie vielleicht noch einmal zupfen?