Metrisches Beiblatt ;ar Wssamschen Allgemeinen Zcitnng.
H>. »f». âitag den 10. September /ss#.
Eugen Stillfried.
Nach F. W. Hackländer.
(Fortsetzung.)
Wir glauben annehmen zu können, daß die Jungfer Stre- bclmg diesen Rath im Laufe des Tages wirklich befolgte; denn sie kaufte sich eigenhändig in einem Laden rosenfarbiges Papier, sie ließ sich von der Fran Schoppelmann etwas warmes Wasser geben, um ihre vertrockneter Diute aufzufrischen, und als am darauf folgenden Morgen der ältere der jungen Herren Schoppelmann an seinem Fenster auf der Lauer war, während sein Bruder, der Fuhrmann, die ledernen Gamaschen kinvltc, stopfte sich der Erste auf einmal einen Zipfel des Kopfkissens in sein großes Maul, um ein heftiges Lachen zu unterdrücken; dann winkte er seinem Bruder mit der Hand und tagte: Pst, pst, sie kommt, sie kommt!
Wer? fragte der Fuhrmann neugierig; die große Ratte, die dir gestern entgangen?
Nein, die Jungfer Strebeling, antwortete der Jäger; mich soll der Teufel holen, sie hat Mgebissen; dort bringt sie in eigener Person der Frau Schilder ihre Antwort aus unseren Brief. — -—
Es ist unnöthig, hinzuzufügen, daß es der Beredsamkeit Katharinens gelungen war, die Bedenklichkeiten des weich gestimmten Herzens der zarten Jungfrau zu beseitigen und die Zusageihrer Begleitung auf einem Spaziergang in dem stillen, menschenleeren Stadtgraben zu erlangen.
Es mochte halb zwei Uhr desselbigen Tages sein, als die schöne Katharine ihre Mutter auf die unbefangenste Weise von der Welt davon in Kenntniß setzte, daß sie einen kleinen Aus- Mz zu machen habe. Es kam dies nicht häufig vor und mâre auch, wenn es geschehen, der Mutter nicht absonderlich angenehm gewesen; denn sie mochte es nicht leiden, daß ihre Tochter viel allein herumgehe. Daher kam es denn auch, daß bei solchen Veranlassungen eine Menge Fragen von Seiten der Frau Schoppelmann vorkamen, welche von Seiten der Tochter so gut, als es anging, beantwortet wurden. Heute waren dieser Einreden und Fragen wenige; denn Katharine hatte gleich Anfangs gesagt, sie gehe in Gesellschaft der Jungst Strebeling, und diese war bei der Gemüsehändlerin als
so vollkommen untadelhast und nach jeder Richtung zuverlässig erkannt, daß sie gegen diesen Ausgang nichts eiuzuwen- den hatte. Es sollte Spitzengrund und Zeichengarn eingekauft werden; auch ein paar Ellen Rosaband, sowie ein Stückchen dunkler Cattun, letzterer Behufs Ausbesserung eines Morgenrockes.
So gingen also die beiden jungen Damen dahin; aber anstatt Spitzengrund und Cattun einzukaufen, wandelten sie geraden Weges zum Thore hinaus und auf die Promenade und bogen am Ende derselben in den so genannten Stadtgraben ab.
Dieser Stadtgraben war zu traulichen Spaziergängen, namentlich aber in der Dämmerung und Nachtstunde, außerordentlich beliebt; es war der ehemalige wirkliche Stadtgraben, auf einer Seite mit einer himmelhohen Mauer versehen, die mit grünem Ephcu dicht verkleidet war, im Ganzen ziemlich vertieft, aus der anderen Seite an dichtes Laubwerk der gro- ßeg Promenade stoßend. Ein kleines Bächlein floß hindurch, und, absichtlich oder unabsichtlich, in diesem Theile der königl. Anlagen geschah für Ausschneidung des Gehölzes sehr wenig. Das wucherte hier lustig und waldähnlich durcheinander; das Einzige, woran man die sorgsame Hand des Gärtners erkannte, waren kleine, reinlich gehaltene Fußwege, die in Schlangenwindungen von den breiten Gängen der Promenade in den Stadtgraben führten.
Eugen hatte denselben zu jenem kleinen Rendez-vous vor* geschlagen, in der guten Absicht, daß die schöne Kathariiiine, welche sehr bekannt war, nicht so leicht gesehen würde; feinet hatte er seinen Freund und lustigen Rath vermocht, ihn zu begleiten, damit, wenn ihm auch wirklich Jemand begegnen sollte, sich das Mädchen doch nicht allein in seiner Gesellschaft befinde.
So wanderten nun diese zwei Paare von verschiedenen Seiten dem Spaziergange zu. Eugen und der lustige Rath waren die Ersten auf dem Platze und ließen sich auf die Bank nieder, welche zu der Zusammenkunft schon vorher ausgemacht war.
Katharine schritt mit klopfendem Herzen durch die Promenade; sie athmete schwer und tief; sie ward bald roth und
