Der Wanderer.
V, >04.
Iciblatt M Nassamschell Allgemeinen Zcitmg.
Dienstag den 31. August
185»
Eugen Stillfried.
Nach F. W. Hackländer.
(Fortsetzung.)
Es ist schon sehr wichtig, daß ich von allen seinen Schritten und Tritten die genaueste Kenntniß habe.
Durch Joseph, seinen Bedienten? fragte die StaatSrâthin.
Allerdings! entgegnete der Justizrath; ich hätte keinen passenderen Menschen hierzu finden können, als ihn. Den habe ich in meiner Hand; waS hätte mir jeder andere Bursche, der mir auch noch so ergeben gewesen, genützt? — Monsieur Eugen mit seiner leichtsinnigen Wirthschaft, mit seinem Geld- hinauswerfen an seine Freunde und Bedienten hätte mir ihn doch bald verdorben. Aber dieser Joseph muß mir treu bleiben, denn, das habe ich ihm auch angekündigt, bei dem geringsten Seitensprung, den er macht — fort mit ihm ins Zuchthaus.
Und bringt er öfters Rapporte? fragte die Dame mit anscheinender Gleichgültigkeit.
O ja, entgegnete der Justizrath, alle Wochen ein paar Mal.
Und das Leben, welches sie führen, ist noch immer daS gleiche?
Es ändert sich nur insofern, als wöchentlich eine neue Thorheit projectirt und ausgeführt wird.
Und die Gesundheit meines ... des... Eugen Stillfried? We hält er dieses wilde Leben'aus?
Ganz vortrefflich! entgegnete achselzuckend der Justizrath; ich begreife das gar nicht. Er hat eine merkwürdige Constitution.
Und ist jener Andere, sein guter Freund, immer noch bei lhm? forschte die alte Dame weiter, sein lustiger Rath, wie
'hn gewöhnlich nennt, jener mißvergnügte, kopfhängerische Schulmeister?
Leider, leider! seufzte der Justizrath, das Bündliiß hat der Teufel geschlossen, und so viele Mühe ich mir auch schon und namentlich durch Joseph gegeben habe, die Beiden auseinander singen, es ist rein unmöglich.
Die Staatsräthin sah ihren Freund fragend und ausmerk- ™ an.
Die herrlichsten Thorheitell des Monsieur Eugen, fuhr der Justizrath fort, die schönsten dummen Streiche, welche zu den schlimmsten ausfallen könnten, weiß der Andere in ihrem vollen Laufe aufzuhalten und ihnen durch irgend ein Manöver die Spitze abzubrechen. Man sieht nie Einen ohne den Andern, und wenn es auch Monsieur Eugen, wie gesagt, absichtlich darauf anzulegen scheint, seineu Namen und seine Gesundheit auf ewige Zeiten zu ruiniren, so springt der Andere gleich dazwischen und bringt Alles, so viel es thun- lich ist, wieder in das Geleise. O, es ist das eine heillos« Wirthschaft!
Das Auge der alten Dame glänzte sonderbar, doch wandte sie ihren Kopf dem Fenster zu. Dann sagte sie, ohne den Justizrath anjusehen:
Also könnte man ihn den Schutzgeist jenes verlorenen jungen Menschen nennen?
Allerdings! entgegnete ärgerlich der Justizrath und blickte forschend auf seine Freundin, wenn bei einer solchen Wirthschaft ein Schutzgeist überhaupt denkbar wäre.
Gott sei Dank! lispelte die alte Dame, aber so leise in sich hinein, daß der Andere nichts als einen schwachen Seufzer vernahm. Er ging ein paar Mal in dem Zimmer auf und ab, die Hände auf den Rücken gelegt, dann trat er wieder an den Fauteuil der Staatsräthin und streckte die Hand aus nach einem kleinen Kästchen von Ebenholz, das vor ihr auf dem Tische stand.
Bei dieser Bewegung aber legte die Dame mit einem schmerzlichen Lächeln die Hand auf jenes Kästchen und sah ihn dabei so sonderbar an, als wollte sie ihn bitten, dasselbe jetzt nicht zu berühren. Der Justizrath blickte sie jedoch so befrem- det, ja vorwurfsvoll an, daß sie ihre Hand mit einem Seufzer zurückzog und ihn das Kästchen ergreifen ließ, das er vom Tische nahm und in die Höhe hob. Erdrückte an einer Feder, der Deckel sprang auf und zeigte das Bild eines jungen Mädchens von vielleicht fünfzehn Jahren, das ihn jetzt so zufrieden, heiter und glücklich aus den klaren Augen anblickte, als sei es froh, daß man endlich einmal wieder sein schwarzes Gefängniß geöffnet. Der Mann mit dem strengen Gesicht blickte lange und schweigend dieses Bild an, und über die harten Linien
