Der Wanderer.
Tr. 301.
Beiblatt M Nassamschm Allgemeinen Zeitmg.
^mtag den st. August
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Eugen Stillfried.
Nach F. W. Hackländer.
(Fortsetzung.)
In der Steinstraße derselben Residenz, von der wir bis jetzt sprachen, stand ein altes, ehrwürdiges Haus, welches das seltene Glück odce Schicksal gehabt hatte, daß es seit unvordenklichen Zeiten, wo. es entstanden, derselben Familie, deren Stammvater es erbaut, verblieben war. Es sah aber auch außerordentlich stolz und respektabel aus, dieses Gebäude. Vorn an der Straße präsentirte eS einen riesenhaften Giebel, der mit zackigen Seitenwänden und in den kühnsten Schnörkeln bis zur Spitze hinauf stieg, wo eine große, seltsam geformte Wetterfahne das Ganze krönte. Das Haus war von unten bis oben massiv aus Stein gebaut, hatte unten sehr kleine vergitterte Fenster, die ein sehr weites Treppenhaus beleuchteten, welches nach der Straße zu von einem großen Thor verschlossen wurde. An diesem Thore hatte die Phantasie des Baumeisters in der Mitte einen außerordentlich großen Thürklopfer angebracht, der, mit einer Reihe von Zähnen versehen, wie ein aufgcsperrtcö Maul aussah, und dazu hatte er oben auf beiden Flügeln zwei runde Einschnitte machen lassen, die wie Augen aussahen, was dem Thore vollkommen das Ansehen eines Riesenhauptes gab. Namentlich Abends, wenn das Treppenhaus innen beleuchtet war, glänzte das Licht so unheimlich aus diesen beiden Angenöffnungen, daß sämmtliche Straßenjungen sich ordentlich davor fürchteten und nur in einem großen Bogen bei dem alten Hause vorbeigingen. Alsdann schielten aber auch die beiden feurigen Augen in der That so sonderbar den Vorüberwandelnden an und schienen «hm zu folgen, so weit er das alte Thor im Gesicht behalten konnte.
Im Innern war dieses Haus nach alten Begriffen wohn- kkch, ja, prächtig eingerichtet. Die Treppen, welche in die obersten Stockwerke führten, waren massiv aus Eichenbolz, und Geländer und Pfosten bestanden aus kunstreich geschnitz- le» Figuren. Die Zimmer waren hoch, einige sogar gewölbt, die Decken reich mit Stukkaturarbeiten versehen, die Wände mit alten Ledertapeten bedeckt, und die Fußböden und Lam- bris bestanden aus hartem, ganz dunkelbraun gewordenem
Holze. Dies alles zugleich mit der Stille, welche über dem Hause ruhte, gab ihm etwas Oedes, ja, Unheimliches, und wenn Jemand die Treppen hinaufschritt und sich zufällig räusperte, so klang das durch das ganze Haus, und in allen Ecken und Winkeln nisten unsichtbare Nasen im hohlen Echo nach. Still war dieses Haus über alle Beschreibung, und aus dem einzigen Grunde, weil in allen den weitläufigen Stockwerken nur eine einzelne Dame wohnte, die jetzige Besitzerin , die verwittwete Staatsräthin Stillfried. Diese — eine Dame hoch in den Fünfzig — hatte ihre Zimmer im zweiten Stock und lebte sehr ruhig und eingezogen. Ihre Dienerschaft hatte ihre Wohnungen theils unten, theils im vierten Stock, und da dies auch meistens alte und langgediente ruhige Leute waren, so machten sie in dem stille Hmrse eben so wenig Spektakel wie ihre Gebieterin.
Die Staatsräthin hatte den zweiten Stock ihres Hauses, dessen Zimmer früher so bestanden wie die des ersten Stockes, für sich wohnlicher einrichten lassen. Die alten dunklen Tapeten hatten freundlicheren, helleren Platz gemacht, die schweren Möbel waren mit leichten, nach neuerem Geschmacke vertauscht worden; knrz, die ganze Wohnung hatte man nach unseren Begriffen elegant und komfortabel hergestellt. Die großen Fenster mit ihren tiefen Nischen hatte man allerdings nicht ändern können; doch verwandelte der Geschmack der Staatsräthin diese früher etwas finsteren Winkel in angenehme Ruheplätze, und auf einem derselben, welcher einen freien Blick über einen großen Theil der Stadt gestattete, war ihr Lieblingssitz, wo sich denn auch die alte Dame den größten Theil des Tages aufhielt. Es war ein kühles, heimliches Plätzchen, die dicken Mauern des Hauses erlaubten der Sonne nur, sich von außen auf die Scheiben zu lagern und, statt in übermäßiger Hitze einzudringen, dieses Plätzchen sanft zu erwärmen. Ein weicher, violet-sammtner Fauteuil stand in der Vertiefung dieses Fensters, vor demselben ein kleiner Tisch, worauf Bücher und Zeitungen lagen, mit welchen sich die Staatsräthin beschäftigte, wenn sie es müde war, aus die Straßen hinab zu schauen oder auf die Berge, die, mit Wäldern gekrönt, rings die Stadt umgaben.
Dort finden wir auch heute die alte Staatsräthin. Sie
