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Der Wrmderer.

Belletristisches Deiblatt jur

Allgemeinen Zeitnng

2». 900. Donnerstag den »6. August iss».

Eugen Stillfried.

Nach F. W. Hackländer.

(Fortsetzung.)

Clementine erzählte jetzt, daß sic heute Morgen gesehen, mit ihren beiden Augen gesehen, wie eben jene Choristin auf der Treppe, auf der gemeinschaftlichen Treppe, den auch ihr Fuß betreten mußte, einen jungen Mann geküßt habe, und es that ihr, wie man ihr anmerkte, in innerster Seele weh, daß Madame Schoppelmann über diese schreckliche Geschichte nicht außer sich gerieth, vielmehr ruhig ihre dicken Achseln zuckte und sagte:

Ja, mein liebes Kind, man kann in dieser Welt nicht nach allen Fliegen schlagen. Etwas Unangenehmes gibt es iu jedem Hause, und bei mir ist es doch wahrhaftig sehr still, sehr behaglich! — Denken Sie Sich nur, Jungfer Strebeling, wenn Sie in eine Straße zögen, wo z. B. das Militär vor­bei sieht, wo die Unteroffiziere herumflankiren, wo die Offi. ziere zu Pferd bei den Fenstern vorbeireiten und in alle Fen­ster hinein schauen, wo Sie den ganzen Tag die wilden Trommeln und Regimentsmusiken hören müßten, wo Ihnen vielleicht gegenüber ein unternehmender Ladendiener wohnte, ber Ihnen Abends neugierig ins Fenster blickte!

Clementine schauderte.

O, wenn Sie in ein Haus zögen, wo viele junge Herren zur Miethe wohnen, die Nachts um zwölf Uhr nach Hause kommen, oder die bei sich spielen und trinken und dazu aller- hVld lästerliche Lieder singen! Ja, das sollten Sie erst erle­ben! Und wo der Hausherr sich um gar nichts bekümmert, vber noch obendrein darüber lacht, wenn die jungen Leute den Nebenwobnenden allerlei Schaberuak aufführen.

Und das kommt zuweilen vor, fragte schüchtern die alte Jungfer, daß solche schreckliche Leute ein ehrbares Frauen- zimmer belästigen?

„ O, das kommt sehr oft vor, antwortete wichtig die Ge­müsehändlerin: nun wissen Sie, Jungfer Strebeling, Sie sind ^e zarte Person, Sie können Sich nicht helfen. Aber sehen °*e einmal «sich an, ich war freilich nicht immer so dick, wie <e^ aber nehmen Sie meine Katharine. Nun, ich war viel­

leicht in den Jahren noch einmal so stark, und wer von mix eine Ohrfeige bekam, der wußte davon zu erzählen. Nun, also denken Sie Sich, mich sogar ließen sie nicht in Frieden! Da habe ich damals in einem Hause in der Lederstraße ge­wohnt, ledig wie Sie, — ehe ich nämlich den seeligen Schop­pelmann heirathete, und da wohnten neben mir auch so ein paar Galgenstricke, und jeden Sonntag-Morgen kam der selige Schoppelmann, mich zum Spaziergang abzuholen, und das wußten diese Gauner, und was thun sie einmal? Sie gehen des Samstags Nachts, als ich schon lange zu Hause war, her, und einer stellt mir vor meine Kammerthür seine Stiefel ne­ben meine Schuhe, und da mag man sagen, was man will, das sieht verdächtig aus. Und den andern Morgen warte ich auf den seligen Schoppelmann, und er kommt nicht, und ich warte noch eine Stunde, und er kommt immer nicht. Und wie ich endlich zum Fenster hinansschaue, da steht er an der Straßenecke mit einem langen Gesicht, wie Butter an der Sonne, und schaut immerwährend mein Haus an. Ich winkte ihm natürlicher Weise, aber ich mußte ihm lange winken, bis er endlich kam, und dann machte er ein Gesicht — nun, das will ich in meinem ganzen Leben nicht vergessen — und sagte mit ganz trotzigem Tone, als ich ihn fragte, warum er heute Morgen nicht gekommen, mich abzuholen: Margarethe, sagte er, ich war schon einmal da, aber vor deiner Thür sah ich et­was, was mir durchaus nicht gefallen wollte — wissen Sie Jungfer Strebeling, die Stiefel nämlich neben meinen Schuhen —, und ich erwiederte ihm ganz ruhig: Schoppelmann, Er ist ein Narr, versteht er mich? und wir wollen schon sehen, wem die Stiefel gehören! Weiß Er was, fang' Er einmal tüchtig an, mit mir zu schreien und zu schimpfen! Und das that denn auch der selige Schoppelmann, so gut als möglich; aber darin konnte er nie etwas leisten. Und als er so eine Zeit lang fortgeschrieen und endlich still wurde, hörte ich sie im Nebenzimmer lachen, und dann machte einer langsam drin­nen die Zimmerthür auf und schlurfte in den Strümpfen aus den Gang hinaus bis vor meine Stube, um seine Stiefel wieder zu holen. Ich aber hatte meine Stubenthür ein ganz klein wenig geöffnet und streckte langsam die geöffnete Faust hinaus; und wie ich sie nun so plötzlich wieder zumache und